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Lieber nicht zum Ende kommen.

Herman Melvilles Bartleby als Ruhestörer.

 

Johanna Egger

 

Irgendeines Tages stellt sich Bartleby in der Kanzlei eines New Yorker Notars vor. Er wird als Schreiber zum Kopieren von Akten eingestellt und verbringt seine ersten Tage in fiebriger Geschäftigkeit. Bald jedoch beginnt Bartleby kommentarlos seine Arbeit niederzulegen, die Kanzlei mag er aber nicht verlassen. Der Notar sieht sich, hilflos und verlegen, einem Schreiber gegenüber, der nicht schreibt, die Kanzlei ganz selbstverständlich wie sein Heim bewohnt und für alles Zureden, Argumentieren und Drohen unempfänglich ist – Fragen ernten Schweigen und Aufforderungen die immer gleiche Entgegnung I would prefer not to. Aus Verzweiflung verlegt er die Kanzlei in einen anderen Stadtteil. Bartleby hingegen ist in den alten Räumen verblieben und auch den neuen Mietern gelingt es nicht, ihn zum Gehen zu bewegen. Aus Hilflosigkeit holt man die Polizei und Bartleby wird in das Gefängnis verbracht. Dort stirbt er.

Bartleby erscheint aus dem Nichts und verschwindet wieder dorthin. Die Kanzlei, die er als Aufenthaltsort erwählt, kann ihm den Raum für seine gnadenlose Passivität, die er mit der Formel I would prefer not to aufrechterhält, nicht bieten. Warum Bartleby so war, bleibt allen, die mit ihm in Kontakt kamen, ein großes Rätsel.

 

Erste Annäherung an Bartleby

 Herman Melvilles Bartleby ist eine Erzählung, die man nicht so leicht vergisst. Das ist der Absonderlichkeit der Titelfigur geschuldet. Der Schreiber, der nicht schreibt und allem nur mit der höflich vorgebrachten Formel I would prefer not to begegnet, bringt die Vorstellung von seltsamem Verhalten grundsätzlich durcheinander. In der Literatur Charakteren zu begegnen, die Eigenarten aufweisen oder ganz und gar nicht sozial verträglich sind, ist nicht ungewöhnlich. Aber Bartleby passt in dieses Schema des Wunderlichen nicht hinein. Etwas ist an ihm, das irritiert, ohne klar fassbar zu sein. Es ist schwerlich möglich, sich das Verhalten des Bartleby logisch zu erklären. Er kann nicht als jemand gelten, der aus Faulheit oder aus anarchistischen Gründen nicht arbeiten möchte. Er erscheint nicht autistisch oder auf andere Weise unfähig, sozial zu interagieren. Die Titelfigur der Erzählung ist als Mensch angelegt, der aus unerfindlichen aber bestimmten Gründen genauso handelt, wie er es tut.


Warum Bartleby ein Ruhestörer ist

 Bartleby ist also eine sonderbare Erscheinung, ein Ruhestörer. Aber in welchem Sinne? Er hat ein friedliches, ruhiges Wesen. Geht er nicht jeder Konfrontation aus dem Weg?

Genau darin liegt sein Querulantentum: in der Vermeidung. Der Schreiber Bartleby stört die Ruhe seiner Mitmenschen, nicht nur das, er bringt auch die Struktur des Textes, der von ihm erzählt, durcheinander. Dass ein literarischer Text eine Ende hat, mindestens aber einen Schlusspunkt an der Stelle setzt, an der das letzte Wort niedergeschrieben ist1, kann durchaus mit dem sicher zu erwartenden Ende eines Lebens, dem Tod, parallel geführt werden. Bartleby tritt als Figur auf, die den menschlichen Tod als Schlusspunkt und Ende eines Lebensprozesses zu unterminieren, wenn nicht gar zu dekonstruieren sucht.

Warum an dieser Stelle die Verbindung zum literarischen Text und dessen Schluss und Ende? Diese Arbeit geht davon aus, dass ein Text in der Art seiner Entstehung, seiner Fügung, Strukturen aufweist, die der Weise ähnlich sind, in der Menschen in der Welt sind. Die menschliche Sphäre des Seins und Existierens ist an Raum und Zeit gebunden; Denken und Handeln, physische Existenz und Voranschreiten von Leben sind immer räumlich und zeitlich verfasst. Der Leser eines Textes erlebt im Vorgang des Lesens das wieder, was ihm in der Welt begegnet, worin er existiert. Das bezieht sich nicht auf das Thema eines Textes/einer Erzählung. Auch die fantastischste Geschichte spielt sich innerhalb dieser Dimensionen ab. Es mag Geschichten geben, die den Leser schrecken oder schockieren. Zum Beispiel die Schilderung eines Menschen, der aus reiner Lust am Töten brutale Morde begeht. Hier mögen die Motive und Taten unnatürlich, grausam und nicht nachvollziehbar erscheinen, doch ist das eher ein moralisches Urteil über die erzählte Figur, als ein generelles Anzweifeln ihres Vorgehens. Mag es unnatürlich erscheinen, was die Figur tut, so ist es doch natürlich, dass sie es tun kann. Das meint, dass nicht angezweifelt wird, dass es sich – trotz allem – um menschliches Tun und Sein handelt. Die Möglichkeit dieses Verhaltens steht grundsätzlich außer Frage.

Anders in Bartlebys Fall. Er verhält sich unnatürlich, indem er sich der Zeitlichkeit menschlichen Seins zu entziehen versucht. Für die Erzählung Bartleby bedeutet das, dass das Lesen von einer Figur, die solche Verwirrungen über den Aufenthalt eines Menschen in der Welt hervorruft, auch das Erzählen ihrer Geschichte infrage stellt, da Zweifel über die Möglichkeit einer sprachlich-erzählerischen Vermittlung seines Wesens aufkommen.

 

Zweite Annäherung an Bartleby

 Es ergibt sich auf doppelter Ebene eine Störung des ‚normalen Ablaufesʻ: Zum einen irritiert die Verfasstheit der Figur auf der semantischen Ebene, zum anderen entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen der Vorgehensweise (in Form eines gestoppten Vorangehens) der Figur und der Struktur menschlichen Erzählens, wie Paul Ricoeur sie beschreibt.2 Die Titelfigur der Erzählung wird zu deren Störfaktor, indem sie in ihrem Wesen dem der Erzählung gegenläufig ist. Nähert man sich dem Schreiber auf diese Weise, scheint sein Experiment zu sein, den Tod als klassisches menschliches Ende infrage zu stellen. Zwar ist mit dem Moment, in dem Bartleby biologisch tot ist, ein Schlusspunkt gesetzt, doch bekommt sein Sterben durch die Abläufe, die daraufhin geführt haben, eine andere Dimension. Der Tod, das Ende des Lebens, erscheint nicht mehr als (nicht vorhersehbarer) Zeitpunkt in der Zukunft, auf den man unweigerlich zuläuft und der dem völligen Verschwinden gleichkommt. Bartleby hört schlichtweg auf, sich auf den Tod zuzubewegen. Er stirbt nicht an einer Krankheit, vielmehr legt er sich im Hof des Gefängnisses nieder und lebt nicht weiter. Zwar hat Bartleby zuvor auch das Essen aufgegeben, doch kommt ein Verhungern als Todesursache für ihn nicht in Frage. Die Figur hat im Verlauf der Erzählung die Strukturen menschlicher Zeitlichkeit und Handlungsnotwendigkeit so intensiv durcheinander gebracht, dass sein Entschluss, das Leben aufzugeben, sich so konsequent einfügt, dass eine Banalität wie Nahrungsaufnahme keine Relevanz mehr haben kann.

Wie kann es also sein, dass eine Erzählung, ein literarischer Text mit Schluss und Ende, von einer Figur erzählt, die ein mögliches Pendant zum Ende eines Textes – den Tod – unterläuft oder zumindest den Versuch unternimmt, den Tod zu hintergehen? Ergibt das nicht tatsächlich das oben genannte Spannungsverhältnis zwischen Bartlebys Vorgehen und der Struktur menschlichen Erzählens? Im Folgenden versuche ich mit den Ausführungen der Philosophen Paul Ricoeur und Giorgio Agamben deutlich zu machen, wie ich zu dem Ergebnis komme, dass Bartleby als Ruhestörer beziehungsweise Störfaktor bezeichnet werden kann. Auch für mich sind einige Fragen offen geblieben. Worin die Interaktion zwischen Erzähltem und Erzählung, auf die ich in den vorangegangenen Abschnitten hingewiesen habe, genau besteht, kann ich nicht unmissverständlich benennen. Diese Arbeit widmet sich hauptsächlich dem Versuch, der Figur Bartleby auf die Spur zu kommen und zu verstehen und herauszufinden, was es ist, das ihn so absonderlich erscheinen lässt, ihn wörtlich von der Welt absondert.

 

In der Zeit handeln und erzählen

 Paul Ricoeur untersucht das Verhältnis zwischen dichterischer Tätigkeit und Zeiterfahrung (Zeit und Erzählen) und geht davon aus, dass die in der Handlungsstruktur narrativ verknüpften Elemente ihre Basis in menschlicher Handlung finden und fügt dem noch das Prinzip der Innerzeitlichkeit des Menschen bei, die sich sowohl innerhalb als auch außerhalb von Erzähltem manifestiert. In drei Schritten (drei verschiedenen Ebenen erzählerischer Darstellung von Zeit) findet der eigentliche Konfigurationsvorgang der Sujetkomposition statt. Ausgangspunkt ist ein Vorverständnis der Welt des Handelns und die Fähigkeit, Handlungen und ihre symbolische Vermittlung als solche erkennen zu können.3 Die Handlungsstruktur wird durch sinnvolle Nutzung dieses Begriffsnetzes zu einer Sinnstruktur, indem sie über eine bloße Abfolge erzählter Ereignisse hinaus eine neue Kombinationseinheit konfiguriert, welche im dritten Schritt der mimetischen Tätigkeit durch Rezeption wieder in die Zeit des Handelns eintritt.4 Im Vorgang des Erzählens wird der Gegenstand des Erzählens also zunächst aus der menschlichen Sphäre herausgetrennt, ihr dann aber wieder zugeführt. Hieraus ergibt sich der zwingende Zusammenhang zwischen Zeit und Erzählen und daraus wiederum, dass erzählte Zeit einer menschlich erfahrbaren und erfassbaren Art und Weise entsprechen muss.5

Es ist nicht die Erzählweise/Sujetkomposition, die die Erzählung Bartleby ungewöhnlich macht. Vielmehr ist es ein Element der Erzählung – die Titelfigur – die eine Widersprüchlichkeit in sich trägt. Bartleby verursacht einen Riss in der Wahrnehmung bzw. dem Nachvollzug von Handlung, indem er sich schlichtweg unerklärlich verhält. Im Zusammendenken von Zeit und Erzählen stellt Ricoeur die zeitliche Dimension menschlichen Handelns heraus. Fragt man danach, was Bartleby tut, so handelt es sich dabei um den Versuch, aus der Zeit herauszutreten. Eine solche Figur ist zwar erzählbar, aber nicht ohne weiteres verstehbar.

 

Aus der Potenz in die Existenz

 Wenn das Erzählen durch das gemeinsame Verständnis von Handeln und einem menschlichen Verhaftetsein in der Zeit konstituiert wird, müssen die Elemente einer Erzählung nicht nur nach einem textinhärenten Logikmuster verknüpft sein, sondern zudem in ihrer Art und Weise dem entsprechen, was der Mensch als in Zeit, Raum und Handlung existierendes Wesen kennt und erkennen kann. Diesbezüglich weist die Titelfigur der Erzählung Bartleby eine entscheidende Besonderheit auf. Dieser möchte ich mich mit den Überlegungen Giorgio Agambens nähern. Die Schlüsselbegriffe Agambens in Bartleby und die Kontingenz6 sind Potenz und Kontingenz. Die Potenz ist, als eine Art Vorstufe zur Existenz, die Sphäre des Möglichen, in der das Sein und das Nicht-Sein einer Sache im Noch-nicht-Vollzug existieren. In ihr manifestiert sich das Vermögen, zu sein oder auch nicht zu sein oder anders zu sein. Erst mit dem Übergang in den Akt, den Schöpfungsakt, schlägt das Zünglein der Waage in eine Richtung aus – entweder zum Sich-Ereignen oder zum Sich-nicht-Ereignen. Im Prinzip der Kontingenz bewahrt sich das Sein die Potenz, nicht zu sein oder anders zu sein. Kontingent ist etwas, dessen Gegenteil im selben Moment hätte geschehen können, in dem es geschieht.7 Als Antrieb zum Übergang der Potenz in den Akt unterscheidet Agamben im Wesentlichen zwei Wege. Zum einen eine Art göttliches Wirken, zum anderen die Kategorien von Willen und Notwendigkeit, die dem potentiellen Können eine Richtung geben, beziehungsweise einen Vollzug einleiten. Agamben attestiert Bartlebys Formel I would prefer not to eine zerstörende Wirkung auf den Bezug zwischen Können (Potenz) und Wollen (Einleitung des Aktes). Die Formel wird zur Formel der Potenz8, indem sie den Übergang in den Akt unmöglich macht. Die Potenz manifestiert sich insofern im I would prefer not to, dass in der Agrammatikalität dieser Wendung (das affirmative prefer und das negierende not) Bejahung und Verneinung in einem Atemzug ausgesprochen werden. Indem Bartleby es vorzieht, etwas nicht zu tun (Ich möchte lieber nicht), nimmt er keine explizite Verweigerungshaltung ein, die Formel erhält eher einen Zustand des In-der-Schwebe-Seins aufrecht.9 Der Übergang von der Potenz in den Akt ist ein Austreten aus der Gleichzeitigkeit des Vermögens und ein Eintreten in die irdische Zeitlichkeit und somit in eine Art Sukzessionskette, denn etwas kann so oder so sein, jedoch nicht beides zugleich. Im Sinne der Kontingenz hätte es anders sein können, als manifestiertes Sein kann jedoch nur eine Möglichkeit existent geworden sein. In den menschlichen Zeit-Raum-Dimensionen besteht die Notwendigkeit einer kontinuierlichen Seinswerdung. Auch dieses ist letztendlich eine der Grundlagen, die erfüllt sein müssen, damit Elemente einer Erzählung verstehbar sind und somit ein funktionierendes Strukturschema bilden.

 

Die Vermeidung von Handlung und der Versuch der Zeitlosigkeit

Agamben nähert sich der Figur des Schreibers über die Potenz als Vermögen. Er beschreibt Bartleby als Träger des Nicht-Seins und bestimmt das I would prefer not to zur Formel der Potenz. Nun ist die Potenz eine Figur der Ewigkeit oder Unendlichkeit, da nichts definiert ist und dementsprechend keine Sukzession möglich ist. Alles existiert noch im Vermögen (zu sein oder nicht zu sein oder anders zu sein) ohne noch den Status einer Handlung erreicht zu haben. Bartleby ist der Träger eines Phänomens, das der menschlichen Innerzeitlichkeit gegenläufig ist und wird somit zum Störfaktor, zum Ruhestörer. Dies geschieht, da Bartleby zwangsläufig als Anderer wahrgenommen wird. An dieser Stelle möchte ich auf Ricoeurs Ausführungen zur Innerzeitlichkeit Bezug nehmen. Diese ist das „Verhältnis zur Zeit als das ‚worinʻ wir täglich handeln“10. „‚Inʻ-der-Zeit-sein heißt schon etwas anderes als die Abstände zwischen Grenzaugenblicken zu messen. ‚Inʻ-der-Zeit-sein heißt vor allem mit der Zeit rechnen und daher berechnen.“11 Wird eine Handlung erfasst, wird sie also auch immer in ihrer Zeitlichkeit wahrgenommen. Dass die Menschen die Zeit messen, um mit ihr umgehen zu können, sie in Maßeinheiten und Abschnitte einteilen, deutet darauf hin, dass die Zeit eines Menschenlebens begrenzt ist.

Bartleby befindet sich auf einer Stufe vor dem Handlungsverständnis nach Ricoeur, da er den Charakter einer Handlung als solcher infrage stellt. Dies meine ich im Bezug darauf, dass mit Agamben eine Handlung als Ergebnis eines vollzogenen Schöpfungsaktes zu betrachten ist und somit einer Art Sein gleichgesetzt wird. „Fähig zu sein, in einer reinen Potenz, das ‚lieber nichtʻ jenseits des Seins und des Nicht-Seins zu ertragen, bis ans Ende in der unvermögenden Möglichkeit zu verharren, die beide überschreitet – das ist das Experiment von Bartleby.“12 In der dauernden Wiederholung der Formel verharrt Bartleby tatsächlich im Schwebezustand der Potenz; wie ist es aber zu bewerten, dass Bartleby als Mensch schläft, isst, trinkt, atmet – eben existiert? Sein Dasein ist keine Verweigerung – oder besser Vermeidung – von Existenz als solcher. Dadurch, dass er jegliche Handlungsaufforderung mit dem immergleichen Satz quittiert, der Aufforderung aber tatsächlich nicht nachkommt, findet in gewisser Weise eine Verweigerung statt. Es ist nicht so, dass nichts passiert, es ereignet sich vielmehr das Nicht. Dennoch ist dies keine Verweigerung im eigentlichen Sinne, denn dadurch, dass Bartleby sein Verhalten allein mit dem Ich möchte lieber nicht begründet – was eben keine Begründung ist, sondern ein Sich-einer-Begründung-Entziehen – wird die Ambiguität der Potenz aufrecht erhalten. Das Spannungsfeld, das sich hier eröffnet, resultiert meiner Meinung nach daraus, dass die reine Potenz nicht denkbar ist.13 Es kollidieren in Bartlebys Dasein zwei Sphären, die der Welt (menschlich erfahrbar und erfassbar) in der notwendigerweise das was ist, ist und das was nicht ist, nicht ist und die der Potenz, in der Sein und Nicht-Sein (oder Etwas und Nicht-Etwas) gleichzeitig – eben im Vermögen zu sein oder nicht zu sein – enthalten sind. Über Bartleby kommt das Chaos der Potenz in die Welt. Die Formel der Potenz konfrontiert den denkenden Menschen mit dem Nichts. Agamben erwähnt die Theorie, dass der Verstand es nicht erlaubt, anzunehmen, etwas geschähe ohne Grund.14 Hierin gründen sich die Schwierigkeiten, die besonders der Notar (der hauptsächlich mit Bartleby umgeht) mit ihm hat. Bartlebys Verhaltensweisen sind schlichtweg nicht verstehbar. Seine Begründung liefert keinen Grund, denn sie verharrt in der Potenz, der Sphäre, die ohne Ursache und Wirkung auskommt.

 

I would prefer not to – Lieber nicht zum Ende kommen

Die Zitate des goetheschen Teufels, die ich im Folgenden anführen möchte, sollen nicht dazu dienen, Bartleby den Wunsch nach einer Zerstörung der Welt zu attestieren, sondern vielmehr ein Anstoß sein, sich dem Schreiber assoziativ zu nähern. Ich möchte nicht behaupten, Bartleby sei ein moderner Mephistopheles, aber ich sehe doch eine gewisse Parallelität. Wenn Mephistopheles sagt: „Ich bin der Geist, der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, / Ist wert, daß es zugrunde geht; / Drum besser wär’s, daß nichts entstünde“15, zeigt das auch eine gewisse Vermeidungshaltung eines Endes, indem das mögliche Einsetzen eines Endes durch Vermeidung von Existenz unterlaufen wird. Sicherlich handeln Mephistopheles und Bartleby aus unterschiedlicher Motivation heraus, doch ist ihnen eine generelle Verneinung gemein. Bartleby äußert in den 38 Sätzen seiner 33 Wortmeldungen 30 Sätze, die die Worte no, not oder nothing enthalten. Diesen Zahlen nach ist er durch und durch von der Negation geprägt. In einem weitern Ausspruch Mephistopheles’ heißt es: „Was sich dem Nichts entgegen stellt, / Das Etwas, diese plumpe Welt, / So viel als ich schon unternommen, / Ich wußte nicht ihr beizukommen.“16 Diesen Sätzen entnehme ich einen Teil des Vokabulars, mit dem ich im Folgenden umgehen möchte: verneinen, entstehen, zugrunde gehen, das Nichts, das Etwas und die Welt. Bartleby ist in seinem Menschsein in die Sphäre der Existenz gestellt. Somit steht als unausweichliche Tatsache fest, dass er aus der Unendlichkeitssituation der Vor-Existenz, dem ewigen Vermögen der Potenz, herausgenommen ist. Weiterhin unausweichlich ist, dass diese feststehende Existenz ihn zum Tod führen wird. Das, was entstanden ist, wird also zugrunde gehen. Ich denke, das ist es, was Bartleby verneint. Ich möchte nicht sagen, dass er den Untergang der Dinge wünscht, wie Mephistopheles es (als Teufel naturgemäß) tut. Bartleby zieht es vor, ein Ende (Vergehen) endlos zu verzögern. Dies vollzieht er über das Importieren des Nichts der Potenz in die Welt, denn diese plumpe Welt ist das Etwas, das sich dem Nichts entgegen stellt. Aber das Nichts ist eben nicht mephistophelische Vernichtung, sondern eine bartleby’sche Vermeidung. Ich setze die oben begonnene Wörterzählerei fort, denn der schweigsame Bartleby sagt effektiv mehr, als dass er etwas tut und mag somit über seine Worte etwas leichter zu fassen sein. Die bereits festgestellte Überpräsenz verneinender Wendungen hängt auch damit zusammen, dass 19 Sätze aus seiner Formel I would prefer not to oder einer ihrer Abwandlungen (I prefer not to, I prefer not, I would prefer not) bestehen bzw. diese enthalten. Daneben stehen Sätze, die Wünsche ausdrücken, wie: „At present I prefer to give no answer.“17, „I would prefer to be left alone here.“18 und „No, I would prefer doing something else.“19 Auch die von dem positiven prefer bestimmten Sätze drehen sich um Abgrenzung, Rückzug und Stillstand. Abschließend nun zwei weitere Sätze, die, gerade weil sie sich in ihrem klaren Aussagecharakter so stark von Bartlebys anderen Äußerungen abheben, wichtig sind: „I know you and I want nothing to say to you.“20 und „I know where I am.“21 Zwei Dinge sind hier bezeichnend. Im ersten Satz benutzt Bartleby das Wort wollen und gibt klar zu verstehen, dass er keine Kommunikation wünscht. Der zweite Satz drückt aus, dass Bartleby sich seiner Lage durchaus bewusst ist und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte agiert. Sein Verhalten ist also ein gewolltes und nicht etwa sein Schicksal oder Ähnliches. Bartleby ist kein Messias oder Märtyrer, der an anderer Menschen statt die Last der Welt trägt und nicht mehr handlungsfähig ist. Er will nicht handeln, denn – der menschlichen Innerzeitlichkeit geschuldet – jede Handlung führt dem Tod näher. Dem Tod nähert man sich nicht nur dadurch, dass die (Lebens-)Zeit verstreicht, sondern auch dadurch, dass man als kontinuierlich Handelnder eine aktive Bewegung ‚zum Ende hinʻ unternimmt. Anzunehmen ist also, dass Bartleby nicht etwa von Todessehnsucht geprägt ist, sondern dass er vielmehr nach einer Möglichkeit sucht, dem zwangsläufigen Ende des Menschenlebens zu entgehen. Zu sterben ist bei Bedarf durchaus einfacher zu bewerkstelligen, als am Leben zu bleiben.

Die Feststellung Agambens: „Fähig zu sein, in einer reinen Potenz, das ‚lieber nichtʻ jenseits des Seins und des Nicht-Seins zu ertragen, bis ans Ende in der unvermögenden Möglichkeit zu verharren, die beide überschreitet – das ist das Experiment von Bartleby“22, möchte ich wie folgt abwandeln: Den Tod zu hintergehen – das ist das Experiment von Bartleby. Ich erweitere diesen Satz, weil die Formulierung ‚bis ans Endeʻ besagt, dass dieses erwartet und hingenommen wird. In diesen Fall wäre es allerdings sinnlos, in der Potenz zu verweilen, wenn sowieso ein bald eintretendes Ende vorausgesetzt wird. Drei Mal benutzt Bartleby die Wendung I am not particular. Das ist er in der Tat nicht, denn er verwehrt sich jeglicher Festlegung. Schon als er noch schreibt, weigert er sich, die Kopien zu verifizieren. Somit verhindert er einen Akt der Bestätigung bzw. des Abschließens. Durch das Aufgeben des Schreibens wird dies noch wesentlich verstärkt. Schreiben ist eine Art Dokumentation von vergehender Zeit, ein Festhalten von Momenten, gleichsam eine Produktion von Gegenständlichkeit, die dann im Raum steht und vom Gewordensein zeugt. Das Sein konstituiert sich aus kontinuierlichen Schaffensakten. Bartleby zieht es vor, nichts zu tun und unternimmt somit den Versuch, nicht zu sein, oder zumindest nicht nachweisbar. Ich denke an dieser Stelle an das Prinzip der Unwiderrufbarkeit der Vergangenheit, das Agamben beschreibt23 und nach dem eine in den Akt (also in die Existenz) übergegangene Potenz als Sein unabänderlich so existiert, wie es jeweils stattgefunden hat. Dass es auch hätte anders sein können, kann daran nichts mehr ändern. Demnach ist so ein Schaffensakt eine sehr definitive Sache – schwierig für jemanden wie Bartleby, der not particular ist. Die an dieser Stelle sehr passende Metapher des Schreibens in das Buch des Lebens führt das Bild des chronologischen Dokumentierens von Geschehenem mit sich. Zusammengedacht mit der oben gegebenen Definition des Schreibens als Akt der Seinswerdung, scheint es fast unausweichlich, dass Bartleby früher oder später diesen Vorgang nicht mehr ausführt. Auffällig ist auch, dass er jeglichen individuellen Ausdruck (wie zum Beispiel Temperament, Kleidungsgeschmack, Freizeitgestaltung, etc.) vermeidet und somit eine wesentliche menschliche Eigenschaft – die kontinuierliche Selbstbestätigung durch Definition und Formgebung – negiert.

 

Aus der Welt gehen

 Vor dem Hintergrund der These, Bartleby habe versucht, den Tod zu umgehen, wäre sein Sterben eigentlich ein Scheitern. Es kann allerdings genauso als eine logische Konsequenz gesehen werden, als ein Sterben (biologisch), das eine Vermeidung des Todes war. Bartleby stirbt nicht typisch menschlich. Er geht vielmehr wieder in die Sphäre der Potenz über und entzieht sich dem Tod als Folge des gelebten Lebens, indem er sich der irdischen Fesseln entledigt. Das Experiment, innerhalb menschlicher Handlungs-, Welt- und Zeitstrukturen im Nichts zu verharren, musste deshalb scheitern, weil das Nichts in der Welt nicht sein kann. Bartleby zieht es letztendlich vor, nicht mehr zu leben und hat somit den Tod, der am Ende einer Lebenssukzessionskette steht, doch noch hintergangen. Das scheint mir deshalb plausibel, da ich zu dem Ergebnis gekommen bin, dass es das in-die-Welt und besonders in-die-Zeit-gestellt-sein ist, dem Bartleby nicht folgen möchte. Dass nicht das Sterben als solches das Übel ist, sondern die Unausweichlichkeit des Todes, dem man sich mit jeder Handlung, mit jeder bewiesenermaßen genutzten Minute, nähert. Durchgeführt hat Bartleby dieses Experiment durch die Aufrechterhaltung des Vermögens der Potenz, also durch eine völlige Vermeidung von Festlegung und die letztendliche Rückkehr in die Sphäre der Potenz. Bartlebys Hinscheiden muss eher als Rückkehr zur Unendlichkeit gedeutet werden, in diesem Sinne vielleicht sogar als Anfang. Bartleby hat die notwendigen lebenserhaltenden Maßnahmen (Nahrungsaufnahme, Schlaf, Körperhygiene) immer durchgeführt. Die letztendliche Entscheidung, dem Tod durch das Sterben zu entgehen, kam meiner Ansicht nach daher, dass er durch das Eingreifen der Polizei gleichsam gewaltsam aus seinem Schwebezustand herausgerissen wurde. Im Gefängnis festsitzend hatte er einen so festgelegten Status erreicht, dass er sein Todesvermeidungsverhalten nicht mehr zielgerichtet ausführen konnte.

 

Um zum Ende zu kommen...

 Einleitend schrieb ich, eine Figur wie Bartleby sei zwar erzählbar, aber nicht ohne weiteres verstehbar. An dieser Stelle möchte ich die Frage aufwerfen, inwieweit eine solche Figur erzählbar sein kann. Man kann von Bartleby erzählen, aber man kann ihn nicht erzählen. Eben weil er nicht ohne weiteres verstehbar ist. Ich habe in dieser Arbeit eine Interpretation seines Verhaltens angeboten und herausgestellt, dass es sich dabei – im Zuge des Importierens der Potenz in die Welt – um etwas handelt, das ob seiner Unmenschlichkeit nicht in Gänze nachvollzogen werden kann. Ein literarischer Text, der eine solche Figur, den ‚Vorfall Bartlebyʻ, zum Gegenstand hat, ist insofern defizitär, dass er über etwas spricht, das dem Leser nur in begrenztem Maße nahe kommen kann. Damit meine ich keine emotionale Nähe, sondern ein generelles Verständnis oder ein fragloses Akzeptieren des Wesens des Gegenstandes. Hier sei an das einleitend angebrachte Beispiel des brutalen Mörders erinnert, der zwar möglicherweise moralisch verurteilt wird, jedoch ohne infrage zu stellen, ob sein Verhalten sein kann (sondern gegebenenfalls warum er so sein kann).

Ich möchte diese Arbeit nun mit der Feststellung schließen, dass Bartleby in einem Maße not particular ist, dass unmissverständliche Aussagen über ihn – und somit auch über die Erzählung Bartleby – schwer zu treffen und noch schwieriger zu verifizieren sind.

 

FU Berlin, Wintersemester 2008/2009


1 Zur Unterscheidung von Schluss und Ende eines literarischen Textes in eine formale (Schluss) und eine hermeneutische (Ende) Kategorie vgl. Brigitte Obermayr: „Das Ende nachvollziehen. Zu Schluss und Ende im modernen und nachmodernen literarischen Text“. In: Wiener Slawistischer Almanach. Bd. 60. München: Sagner 2007. S. 353-383.

2 Darauf gehe ich im folgenden Abschnitt ein.

3 Vgl. Paul Ricoeur: Zeit und Erzählung. Bd. 1: Zeit und historische Erzählung. München: Fink 1988. S. 89.

4 Vgl. ebd. S. 105.

5 Das ist schon aufgrund der Gebundenheit des literarischen Erzählens an Sprache der Fall. Gerade auch in dieser Hinsicht ist die Agrammatikalität der Formel I would prefer not to bedeutsam und weist auf eine ‚Störung im Ablaufʻ. Sie ist die sprachliche Ankündigung des Wunsches einer Nicht-Handlung. Das Medium Sprache wird also während seiner Nutzung infrage gestellt, indem es benutzt wird, um etwas kaum vermittelbares auszudrücken. Das kann mit der Störung der Struktur des Erzählens durch Bartlebys Verhalten, die ich in diesem Aufsatz bespreche, parallel geführt werden. Ich danke Christina Deloglu für diesen wertvollen Hinweis.

6 Giorgio Agamben: Bartleby oder die Kontingenz gefolgt von Die absolute Immanenz. Berlin: Merve 1998.

7 Vgl. ebd. S. 53.

8 Vgl. ebd. S. 36.

9 Vgl. ebd. S. 38.

10 Paul Ricoeur: Zeit und Erzählung. S. 100.

11 Ebd. S. 102.

12 Giorgio Agamben: Bartleby oder die Kontingenz. S. 45f.

13 Vgl. ebd. S. 25f.

14 Vgl. ebd. S. 42.

15 Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Leipzig: Reclam 1977. S. 46.

16 Ebd. S. 47.

17 Herman Melville: Bartleby. Stuttgart: Reclam 2004. S. 38.

18 Ebd. S. 40.

19 Ebd. S. 58.

20 Ebd. S. 62.

21 Ebd.

22 Giorgio Agamben: Bartleby oder die Kontingenz. S. 45f.

23 Vgl. ebd. S. 51.

 



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Kommentare (5)
  • blue monday  - Spannende Arbeit!

    Hat Spaß gemacht zu lesen!

    Eine andere Lesart wäre zum Beispiel, "Bartleby" eher als Zeitdiagnose zu nehmen. Das lässt sich zum Beispiel allein an diesem Satz machen:

    "Drei Mal benutzt Bartleby die Wendung I am not particular. Das ist er in der Tat nicht, denn er verwehrt sich jeglicher Festlegung."

    Natürlich ist es andererseits eben doch eine Festlegung, wenn man sich als nicht individuell oder besonders beschreibt. Und vor dem Hintergrund würde sich dann eine Bartleby-Lektüre anbieten, die die Figur als Exemplar mit den typischen Eigenschaften von Subjekten moderner/fordistischer Produktionsverhältnisse sieht: Apathie, Beziehungslosigkeit, Phantasielosigkeit, Abstumpfung, Müdigkeit, Neurose, das Fehlen von Zukunft und Vergangenheit, überhaupt das Fehlen von Individuation (not particular), und eben keinePotenz. Byung-Chul Han schreibt ein paar Seiten in diese Richtung, in: Müdigkeitsgesellschaft. Berlin, Matthes & Seitz, 2010.

    "Er [Bartleby] entwickelt noch nicht Symptome jener Depression, die ein Kennzeichen der spätmodernen Leistungsgesellschaft ist. Das Gefühl der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit oder Angst vor dem Versagen gehören nicht in Bartlebys Gefühlshaushalt. Ständige Selbstvorwürfe und Auto-Aggression sind ihm nicht bekannt. Er wird nicht mit jenem Imperativ, er selbst sein zu müssen, konfrontiert, der die spätmoderne Leistungsgesellschaft kennzeichnet. (...) Das monotone Abschreiben, die einzige Tätigkeit, die er zu verrichten hat, lässt keine Freiräume zu, in denen eine Eigeninitiative notwendig oder möglich wäre. Was Bartleby krank macht, ist nicht jenes Übermaß an Positivität oder Möglichkeit. (...) Bartleby, der noch in der Gesellschaft der Konventionen und Institutionen lebt, kennt jene Überstrapazierung des Ich nicht, die zu einer Depressiven Ich-Müdigkeit führt." (48)

    "Bartleby ist eine Figur ohne jede Referenz auf sich selbst oder etwas anderes. Er ist ohne Welt, abwesend und apathisch. Wäre er überhaupt ein "weißes Blatt", dann deshalb, weil er jedes Welt- und Sinnbezugs entleert ist. Schon Bartlebys müde und trübe Augen sprechen gegen die Reinheit der göttlichen Potenz, die er angeblich verkörpert." (49)

    Insofern widerspricht eine sozialkritische Lesart, die Bartleby auch als "Charakterstudie" und Kritik an Arbeits- und Lebensverhältnissen sieht, zumindest teilweise Agambens Thesen.

    Eine schöne Idee mit der Anwesenheitsnotiz! Viele Grüße nach Berlin!

  • blue monday

    "Er [Bartleby] entwickelt noch nicht Symptome jener Depression, die ein Kennzeichen der spätmodernen Leistungsgesellschaft ist. Das Gefühl der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit oder Angst vor dem Versagen gehören nicht in Bartlebys Gefühlshaushalt. Ständige Selbstvorwürfe und Auto-Aggression sind ihm nicht bekannt. Er wird nicht mit jenem Imperativ, er selbst sein zu müssen, konfrontiert, der die spätmoderne Leistungsgesellschaft kennzeichnet. (...) Das monotone Abschreiben, die einzige Tätigkeit, die er zu verrichten hat, lässt keine Freiräume zu, in denen eine Eigeninitiative notwendig oder möglich wäre. Was Bartleby krank macht, ist nicht jenes Übermaß an Positivität oder Möglichkeit. (...) Bartleby, der noch in der Gesellschaft der Konventionen und Institutionen lebt, kennt jene Überstrapazierung des Ich nicht, die zu einer Depressiven Ich-Müdigkeit führt." (48)

    "Bartleby ist eine Figur ohne jede Referenz auf sich selbst oder etwas anderes. Er ist ohne Welt, abwesend und apathisch. Wäre er überhaupt ein "weißes Blatt", dann deshalb, weil er jedes Welt- und Sinnbezugs entleert ist. Schon Bartlebys müde und trübe Augen sprechen gegen die Reinheit der göttlichen Potenz, die er angeblich verkörpert." (49)

    Insofern widerspricht eine sozialkritische Lesart, die Bartleby auch als "Charakterstudie" und Kritik an Arbeits- und Lebensverhältnissen sieht, zumindest teilweise Agambens Thesen.

    Eine schöne Idee mit der Anwesenheitsnotiz! Viele Grüße nach Berlin!

  • blue monday

    esend und apathisch. Wäre er überhaupt ein "weißes Blatt", dann deshalb, weil er jedes Welt- und Sinnbezugs entleert ist. Schon Bartlebys müde und trübe Augen sprechen gegen die Reinheit der göttlichen Potenz, die er angeblich verkörpert." (49)

    Insofern widerspricht eine sozialkritische Lesart, die Bartleby auch als "Charakterstudie" und Kritik an Arbeits- und Lebensverhältnissen sieht, zumindest teilweise Agambens Thesen.

    Herrje, gibt´s hier bei den Kommentaren ´ne Beschränkung in der Wortzahl?

    Eine schöne Idee jedenfalls mit der Anwesenheitsnotiz! Viele Grüße nach Berlin!

  • Johanna

    Hallo blue monday,
    freut mich, dass meine Arbeit dich interessiert hat! Dann lass uns doch mal ein wenig darüber diskutieren ;-)

    Ich habe Agamben hauptsächlich ausgewählt, weil mir seine Bartleby-und-die-Potenz-Theorie produktiv erschien, um dem nahe zu kommen, was auf erzählerischer Ebene passiert, wie sich motivische Strukturen und Funktionen literarischen Erzählens verschränken.
    Du schreibst, es „würde sich dann eine Bartleby-Lektüre anbieten, die die Figur als Exemplar mit den typischen Eigenschaften von Subjekten moderner/fordistischer Produktionsverhältnisse sieht“ – als Argument dafür führst du an, dass Bartleby sich mit der Aussage I am not particular natürlich (eben auch als Person) festlegt. Darin stimme ich dir völlig zu, aber ich finde, Bartleby als Träger eines Zeitgeistes zu denken, geht in die Richtung der Vermutung einer Autorintention – die Melville ja möglicherweise hatte, oder nicht hatte und einfach Kind seiner Zeit war, keine Frage – diese Lesart geht m. E. aber (trotz der Berechtigung die sie hat!) an der Brisanz, die diese Erzählung transportiert vorbei:
    Über Bartlebys Antrieb, seine Persönlichkeitsstruktur, sein Wesen als Zeitgenosse könnte nur spekuliert werden, denn darüber wissen weder die Leser noch die Figuren etwas, aufgrund dieser seltsamen Vewischungs- und Verschleierungstaktik, die Bartleby verfolgt. Da Bartleby trotz seines Verharrens eine lineare Bewegung vollzieht (gerade das ist ja der crucial point!) ist anzunehmen, dass der Anfang dieser Gerade weiter vorne liegt (außerhalb der Grenzen des/dieses Textes) und das bringt mich an einen Punkt, in dem ich Byung-Chul Han unbedingt widersprechen möchte:
    „Bartleby ist eine Figur ohne jede Referenz auf sich selbst oder etwas anderes. Er ist ohne Welt, abwesend und apathisch.“
    Warum ist Bartleby „ohne jede Referenz“? Zum einen referiert er kontinuierlich auf sich selbst, ganz besonders mit dem – wie wir festgestellt haben – sehr festlegenden I am not particular. Zum anderen verweist er quasi ex negativo auf die Anderen, deren Strukturen er sich zu entziehen versucht, ohne jedoch den Ort des Geschehens zu verlassen. Beispielhaft dafür finde ich das Maß, in dem der Notar im Kontakt mit Bartleby auf sich selbst zurückgeworfen wird. Ich finde, am wenigsten kann über Bartleby gesagt werden, er sei „abwesend“.
    Und „ohne Welt“? Dass Bartleby irgendwann irgendwo von einer Frau geboren wurde, dementsprechend eine Kindheit und Jugend hatte, ebenso irgendwo das Schreiben gelernt haben wird usw. muss unbedingt angenommen werden. Die Erzählung gibt keinerlei Hinweise darauf, dass wir uns in einer surrealen oder phantastischen Umgebung befinden und auch die Figur selbst trägt keine solchen Züge (auch nichts Allegorisches, meiner Meinung nach), somit verweist sein Verhalten für mich zwingend auf etwas, auf das Menschsein, wenn man so will. Indem jemand, der ein Mensch ist, sich dem entgegen verhält, verweist er doch automatisch auf die Anderen? Liegt nicht darin seine Wirkmächtigkeit? Vielleicht kann man sagen, dass Bartleby sich die Welt nicht zu eigen gemacht hat, aber doch nicht, dass er „ohne Welt“ ist, oder?

    Ich ende mit Fragen ... das Bartleby-Phänomen wird wohl nie erschöpfend zu behandeln sein – Vielleicht schaust du hier ja noch mal vorbei und nimmst den Gesprächsfaden wieder auf, ich wäre gespannt.
    Grüße aus Berlin!

  • blue monday  - Vielleicht...

    ...liegen die unterschiedlichen Lesarten auch in unseren unterschiedlichen akademischen Hintergründen. Deine finde ich ja sehr spannend - jetzt reizt mich Dein Kommentar aber doch noch mal zum Widerspruch...!

    Eine Autorintention würde ich/wollte ich gar nicht vermuten, sowas finde ich i.d.R. wenig weiterführend und ziemlich haltlos. Um aber einen Text als Zeitdiagnose zu lesen, muss ich mir erstmal gar keine Gedanken um die Autorintention machen (auch wenn solche Gedanken hinzukommen können, etwa zur sozialen Lage und Perspektive des Autors/der Autorin, die dann allerdings im Text belegt werden müsste). Ein Text sagt ja erstmal immer mehr, als seine Autorin intendiert, dazu braucht man nichtmal einen Roman oder eine Novelle, sondern könnte sich genauso gut unsere Kommentare hier daraufhin anschauen. Du schreibst

    "Wenn das Erzählen durch das gemeinsame Verständnis von Handeln und einem menschlichen Verhaftetsein in der Zeit konstituiert wird, müssen die Elemente einer Erzählung nicht nur nach einem textinhärenten Logikmuster verknüpft sein, sondern zudem in ihrer Art und Weise dem entsprechen, was der Mensch als in Zeit, Raum und Handlung existierendes Wesen kennt und erkennen kann."

    und verweist damit auf genau das, was ich meine: Der Mensch ist eben kein Wesen, das jenseits von Zeit, Raum, Handlung und eben damit konkreter Gesellschaftlichkeit existiert und existieren kann - das gilt für den Autor, der (möglicherweise unbewusst) jenes Konkrete mit in den Text bringt und für den Interpreten, der nur vor einem konkreten Hintergrund rezipieren kann. Nimm´ als ein anderes Beispiel Becketts (großartiges!) "Endspiel" und Adornos Aufsatz "Versuch, das 'Endspiel' zu verstehen", der letztlich mit Bezug auf die Gesellschaft erst das eigentlich erschreckende des Stückes erkennt, ohne dabei auf irgendwelche metaphysischen Wesenheiten "des Menschen" zu rekurrieren!

    Insofern - und das ist mir erst jetzt klar geworden - läuft Deine Interpretation meiner Ansicht nach Gefahr, ontologisch zu werden, weil wenig das berücksichtigt wird, was Du in Deinem o.g. Zitat schreibst. Spannend wäre es, dachte ich gerade, Deine Interpretation mit solchen Gedanken zu kombinieren, denn Bartlebys "Potenz" wäre dann nicht einfach ein Isoliertes und irgendwie "Unverständliches" (auch wenn Unverständliches bleiben wird). Das Tragische an dieser Figur wird doch erst richtig deutlich, wenn man Bartlebys Experiment ("Das Experiment, innerhalb menschlicher Handlungs-, Welt- und Zeitstrukturen im Nichts zu verharren") mit der Möglichkeit konkreter menschlicher Lebensvollzüge und ihrer je konkret (gesellschaftlich!) begrenzten Wirklichkeit konfrontiert. Dann würde der arme Tropf auch nicht mehr (ausschließlich) so entrückt und quasi heilig wirken, oder als Figur herhalten müssen, an der Abstraktionen (Potenz, Kontingez) durchexerziert werden sollen. Sondern etwa als Leidender und wesentlicher menschlicher Fähigkeiten (Empathie, Anerkennung des Anderen, Selbstverwirklichung...) Beraubter, oder als jemand, der des konkreten Leidens und seines Ausdrucks jenseits mechanischer Reaktionen kaum noch fähig ist. Oder als jemand, der damit einen Ausweg oder zumindest eine Abschottung sucht, auch daran jedoch scheitern muss - dieses "im Nichts verharren" würde dann aufbauend auf Deiner Interpretation möglicherweise eine ganz andere Bedeutung bekommen.

    Herzliche Grüße!

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