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Paradoxes Erzählen


31j1i1l4yxl._ss500_Wandern zwischen den Welten

Wer erinnert sich noch an Die unendliche Geschichte und Bastians Reise in das Buch oder an Sofies und Albertos Flucht aus der Erzählung in Sofies Welt? In unserer Generation gehören diese beiden Bücher sicherlich für viele zu den ersten großen Leseerlebnissen. Was damals wohl kaum jemandem klar war, ist die Tatsache, dass sowohl Bastians Reise, als auch Sofies Flucht zu den Metalepsen gehören.

In den siebziger Jahren bezeichnete Genette als erster solche und ähnliche Momente der Überschreitung von getrennten Erzählebenen als métalepses. Die Forschungsliteratur hat Metalepsen seitdem fast immer als illusionsstörendes Mittel behandelt und ihr Auftauchen in phantastischer Kinder- und Jugendliteratur wurde fast vollständig ignoriert.

Sonja Klimek schließt mit ihrer Dissertation Paradoxes Erzählen. Die Metalepse in der phantastischen Literatur diese Lücke zu großen Teilen und beweist an der phantastischen Literatur, dass Metalepsen manchmal sogar besonders illusionsfördernd sein können. Um zu erklären, warum metaleptische Aufstände gegen den ,Autor‘ gerade in der Phantastik und Fantasy der letzten drei Jahrzehnte so beliebt sind, widmet sie sich ausführlich der Geschichte der Erkenntnisphilosophie. Sie zeigt, wie unsicher sich moderne Menschen ihrer eigenen Existenz sein können, und wie das zur Neugier über einen möglichen „Ausbruch aus der eigenen Erzählebene“ werden kann.

Gleichzeitig lehnt sie es ab, die andere Form, das „Hineinsteigen“ in eine Geschichte als Ausdruck von Wirklichkeitsflucht zu begreifen. Sie macht stattdessen den selbstbewussten Leser stark, der sich wissentlich entscheidet, seine Lektüre zu genießen und in ihr zu versinken. Klimeks Stil ist dabei immer leicht und flüssig zu lesen, was ihren Argumentationen, Definitionen und Schlüssen nichts von ihrer Präzision und Schärfe nimmt.

Auch wenn man sich nicht direkt für das Spezialphänomen Metalepse interessiert, bietet Klimeks Dissertation viele fruchtbare Denkanstöße und kluge Erkenntnisse. Ganz nebenbei ist sie ein wunderbares Beispiel dafür, dass Kinder- und Jugendliteratur ,ernst‘ genug sein kann, um von der Literaturwissenschaft untersucht zu werden, auch wenn sie bislang häufig vergessen wurde.

Paradoxes Erzählen ist bei mentis in der Reihe explicatio erschienen. explicatio versammelt Arbeiten zu Literatur und Literaturwissenschaft, die besonderen Wert auf analytische Schärfe und strenge Gründlichkeit bei der Theoriebildung legen, ohne dabei einer konkreten Schule verpflichtet zu sein. (Nele Solf)

 

Sonja Klimek: Paradoxes Erzählen. Die Metalepse in der phantastischen Literatur. mentis 2010.  ca. 440 S. 56€



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