| Flaubert: Durchkreuzte Moderne |
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Das Wegbrechen des Heils: Barbara Vinkens Studie zu Flaubert eröffnet neue Perspektiven auf Werk und Person
Barbara Vinken schreibt sich mit ihrer Studie Flaubert: Durchkreuzte Moderne zwar in die traditionelle Forschung ein, eröffnet aber durch ihren Fokus auf Psychoanalyse und Bibelforschung gleichzeitig einen ganz neuen Blickwinkel auf das Werk Flauberts. Für ihre Analyse wählt Vinken sieben Werke aus unterschiedlichen Schaffensperioden Flauberts aus. Die Auswahl und Anordnung der besprochenen Romane und Contes werden aber leider nicht thematisiert – der Aufbau erfolgt jedenfalls weder chronologisch, noch erkennbar thematisch. Dies erschwert ein wenig den Zugang und den ,roten Faden’ muss sich der Leser erst selbst herausarbeiten. Dann wird es allerdings auch ein regelrechtes Lesevergnügen. Die Neudeutung von Flauberts Werk vor dem Hintergrund der Psychoanalyse geschieht auf unterhaltsame und kluge Art, was besonders im Kapitel zu Madame Bovary, dem realistischen Roman par excellence, deutlich wird. Vinken hat den Roman als „als Schrift zur Ästhetik gelesen“ und sich dem Essen, dem Sex und der Passion gewidmet – was zunächst nach altbekannten Lesarten klingt, wird hier allerdings weitergedacht, ergänzt und neu kontextualisiert. Bibelkritik und Psychoanalyse verbindend, liest Vinken so Flauberts Kernthese seines wohl berühmtesten Werks heraus: Ästhetik ist keine Kompensation für das Wegbrechen des (christlichen) Heils. Doch gerade in diese Kompensation flüchtet sich die Romanheldin Emma Bovary: Alles muss verdinglicht werden, die Religion durch den gotischen Betstuhl, die Affäre durch das Amazonen-Reitkostüm. Das Kreuz als Symbol des christlichen Glaubens wird bei Flaubert durchkreuzt und so zum Symbol der Unmöglichkeit von Erfüllung. Dieser Pessimismus, der laut Vinken allen Werken Flauberts gemeinsam ist, folgt der „unerhörten Liebe“, was auch in Bezug auf Madame Bovary überzeugend dargelegt wird: Wer liebt, stirbt letztendlich, das gilt für Emma wie für ihren Mann Charles. Liebe und Tod sind so unmittelbar miteinander verknüpft. An anderer Stelle geht es weitaus wilder zu: Wenn sich Flauberts angeblicher Schuhfetischismus in Emmas kleinen schwarzen Stiefelchen manifestiert und diese mit einer „masturbatorischen Fixierung“ Flauberts einhergehen, kann man als Leser lachen oder protestieren, aber die wissenschaftliche Ernsthaftigkeit geht, nicht zuletzt aufgrund der detaillierten Anmerkungen und der sorgfältigen Register, nicht für einen Augenblick verloren. Und das macht Vinkens Studie geradezu aufreibend und auch aufregend. (Ilka Hallmann)
Barbara Vinken: Flaubert: Durchkreuzte Moderne. S. Fischer 2009. 591 Seiten. 24,95€ |

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