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Heute gibt’s kein Küsschen

Heute gibt’s kein Küsschen – Liebe als Distanz

„Die Begegnung der Liebenden artikuliert ihre Unterschiedlichkeit. Sie ist nicht Fusion, sie ist Affirmation, die dem Modell ungetrübter Selbsthaftigkeit entsagt.“


steinweg_coverAbseits der vielbesprochenen Liebe in Film und Fernsehen, auch von der im Schmöker vom Ständer im Tabakladen die Straße runter, von der wir auch schon wissen, dass es nicht die Liebe ist, wie wir sie in unseren Beziehungen erleben und dass sie uns vielleicht verdirbt, steht Marcus Steinwegs Begriff der Liebe und ihres Subjektes. Steinwegs Subjektdenken ist weit entfernt von der stabilen Subjektbasis, das heißt von einem Individuum mit stabiler Persönlichkeit, wie man es in den meisten Fernsehserien zu sehen bekommt. Dem Phantasma einer stabilen Basis hält er ein Subjekt ohne Subjektivitäten entgegen, ein Subjekt ohne Ziel und Ursprung, das diese Ziellosigkeit und ihre Positivitäten wie Negativitäten bejaht. Mit dem Buch Aporie der Liebe untermauert Steinweg seinen bereits in Subjektsingularitäten (2004) ausgebreiteten Subjektbegriff und findet mit dem Begriff der Liebe ein starkes Argument für die Bejahung der Ziellosigkeit.

Wenn in den Hollywood-Blockbustern und Daily Soaps die durchdramatisierten Subjekte handeln, dann handeln sie mit einem Ziel: Die Welt retten, den Klienten verteidigen, die große Liebe finden. Aber nicht nur, weil es geskriptete Subjekte sind, zielt diese Darstellung an der modernen Selbsterfahrung vorbei. Welchem großen Skript fühlen sich die ,realen‘ Subjekte verpflichtet? Dem Mythos, Gott oder welcher großen anderen präskriptiven Narration hängen wir an, die uns ein Ziel und einen Ursprung vermittelt? Dieses Nicht-Wissen, die Aporie, die zugleich unsere Zukunft ist, gilt es zu bejahen. So parallelisieren sich in Steinwegs Buch der Philosoph und das liebende Subjekt, beide verlassen – wie es Steinweg einmal auf einer Tagung sagte – das Geländer der symbolischen Ordnung, der (halbwegs) stabilen Basis ihrer Identität und Weltbetrachtung, um den Abgrund oder die Leere des Nicht-Wissens zwischen sich und dem Objekt zu affirmieren. Diese Affirmation baut Steinweg aus, dabei entwickelt er eine Philosophie der Liebe, die nicht nur im theoretischen Diskurs Bestand hat, sondern durchaus eine eigene poetische Kraft gewinnt, aus der man als Lesender auch die alltägliche Liebe in eine neue und vor allem glaubwürdige Perspektive gerückt bekommt.

Zugleich arbeitet er den Subjektdiskurs auf, wie er in den letzten 20-30 Jahren von Alain Badiou, Gilles Deleuze/Félix Guattari, Jacques Derrida, Jean-Luc Nancy oder Slavoj Žižek geführt wurde. Diese Großen des 20. und beginnenden 21. Jahrhundert bilden das Repertoire, um über die Aporie und die Liebe zu sprechen. Dabei kapriziert sich Marcus Steinweg nicht auf ihre Differenzen, sondern versucht, sie unter dem Gesichtspunkt der Öffnung im Sein, des Nichts, des Anderen – der Aporie eben – zusammen zu denken.

Aporie der Liebe kann man als eine Fragmentsammlung lesen, denn um Schlagworte oder Denkfiguren, die einen Abschnitt kursiv einleiten, verdichtet sich jedes Mal aufs Neue der Begriff der Liebe und wie kleine Aphorismen stehen am Ende die Zusammenfassungen Steinwegs da. Liest man den Text jedoch in einem Rutsch oder an zwei Nachmittagen, beschleunigt er sich zunehmend, entwickelt einen starken Sog hinein in die Begriffe der Aporie, der Liebe, des Subjektes und des Narzissten. (Martin Lhotzky)

 

Marcus Steinweg: Aporie der Liebe. Merve 2010. 158 S. 11,00€



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