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Eine erste Annäherung an Jean-Luc Nancys Begriff der entwerkten Gemeinschaft

 

Marcus Quent



Das Kollektiv, das mir vorschwebt, ist eine unendlich fragile Konstruktion. Eine Gemeinschaft, ja, aber eine Gemeinschaft, die ohne geteilten Grund und ohne geteiltes Ziel auskommen muss. Es ist die Gemeinschaft der Gemeinschaftslosen in dem Sinn, in dem diese Gemeinschaft auf kein anderes Band vertraut als auf das der Verbindungslosigkeit. Deshalb muss von dieser Gemeinschaft gesagt werden, dass sie nicht existiert. Das ist der äußerste Sinn des Kollektivs: seine Nichtexistenz und Unmöglichkeit.

Marcus Steinweg2


1. Vorbemerkungen

Der erste Teil der Schrift Die undarstellbare Gemeinschaft3 des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy ist 1986 in Frankreich erschienen und stellt den Versuch einer Dekonstruktion des Begriffs der Gemeinschaft dar. Nancy versucht im Zuge dessen das Phänomen der Gemeinschaft anders zu denken, als es seinen Erkenntnissen nach in der bisherigen Philosophiegeschichte gedacht worden sei. Im Vergleich zu maßgebenden Schriften der bisherigen (politischen) Philosophie und der gegenwärtigen Soziologie, die sich mit der Problematik des Gemeinsamen und des Gemeinschaftlichen beschäftigen, wird hier vorgeschlagen, „Gemeinschaft“ anders – nämlich unter Verzicht auf essenzialistische Aussagen und einheitliche Bestimmung – zu „definieren“.4


Diese Untersuchung sieht sich bei der gewählten Schrift einer teilweise schwer zugänglichen Theorie gegenüber, die Anstoß und zugleich Ausschnitt eines anhaltenden Diskurses der gegenwärtigen Philosophie ist. Seit den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist ein verstärktes Interesse für die Problematik der Gemeinschaft zu verzeichnen. Im Umfeld Nancys beschäftigten sich – teilweise durch seine Schrift inspiriert – eine ganze Reihe renommierter Autoren mit dieser Thematik: Maurice Blanchot antwortete im selben Jahr mit einem Buch auf Nancys Schrift5, Giorgio Agamben spricht in der Folgezeit in einem gleichnamigen Buch von der „kommenden Gemeinschaft“6. Philosophen wie Jacques Rancière oder Alain Badiou unternehmen auf unterschiedliche Weise den Versuch einer neuen ‚Philosophie der Politik‘, beziehungsweise einer ‚Politik der Philosophie‘. Mit den Schriften von Claude Lefort, Ernest Laclau, Chantal Mouffe und Roberto Esposito liegen aktuelle Werke vor, die ebenso die Frage der Gemeinschaft umkreisen. Jacques Derrida setzte sich mit Jean-Luc Nancys Insistieren auf Gemeinschaft(lichkeit) auseinander – und zugleich höchst kritisch davon ab.7


Es lässt sich bei dieser Beschäftigung mit der Frage der Gemeinschaft eine weiter reichende Problematisierung des Politischen insgesamt unter den (genannten) französischen Philosophen feststellen. In der Arbeit an der hier vorliegenden Untersuchung wurde ein erstes sprichwörtliches ‚Eintauchen‘ in diese Vielzahl unterschiedlicher gegenwärtiger Philosophien unternommen. Nicht alle Gedanken, Thesen und Fragen, die diesbezüglich aufkamen, können hier ausgeführt werden. Die Breite und die Verstrickungen dieses anhaltenden Diskurses abbilden zu wollen, scheint ohnehin ein nicht zu realisierendes Projekt (zumal im gegebenen Rahmen). Selbst der Versuch einer Klärung des Ansatzes Nancys scheint diffizil genug zu sein. Zentrale Begriffe hermetisch abzuriegeln und sie einer isolierten Untersuchung unterziehen zu wollen – diese Methode erwies sich relativ rasch als unpraktikabel. Eine auf diesem Weg angestrengte Klärung sieht sich einer Terminologie gegenüber, die im Sinne eines Begriffsnetzes, einzelne Termini oftmals in Relation zueinander definiert.


Dieser Text versucht deshalb, zunächst eine grundlegende Problematik zu klären, vor deren Hintergrund die Schrift Nancys steht und die als ein maßgeblicher Anlass der Beschäftigung mit der Gemeinschaft angesehen werden kann: das ‚Scheitern‘ des Kommunismus, die gescheiterten ‚Kommunismen‘ unserer Zeit – deren Misslingen auf eine generell problematische Situation der ‚kommunitären Projekte‘ insgesamt verweist. Es scheint als liege der Grund jenes Scheiterns, sofern man der Analyse Nancys folgt, in einer anthropologischen Grundannahme des Kommunismus, die sich als ungünstig erweist. Dabei zeigt sich, dass das gesamte traditionelle Denken der Gemeinschaft, respektive die bisherigen Philosophien, welche die Gemeinschaft zu ihrem Gegenstand machten, laut Nancy auf ähnliche Weise in verhängnisvolle Konstellationen verwickelt sind.


Von der historischen Situation ausgehend soll diese Problematik untersucht werden. Der erste Teil der Arbeit widmet sich demgemäß folgenden Fragen: Welche Kritikpunkte formuliert Nancy den Kommunismus betreffend? Welche Problemstellen erkennt er in der Theorie Marx’? Wie ist die weit reichende Beziehung zu einer traditionellen Denkart der Gemeinschaft zu beschreiben? Zentral für diese scheint jene Art der Gemeinschaft zu sein, die sich als Werk, das hergestellt wird oder hergestellt werden soll, definiert und somit Gemeinschaft verobjektiviert. Demgegenüber bietet Nancys Theorie die Möglichkeit, die Gemeinschaft ohne Substanz, ohneohne Wesen zu denken. Diese Perspektive soll im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit in den Blickpunkt genommen werden. Darin soll eine Annäherung an Nancys Denken der Gemeinschaft als einer wesenlosen und „entwerkten“ Gemeinschaft versucht werden. Anhand der für ihn grundlegenden Termini der Singularität und der Mit-Teilung sollen wichtige Punkte seiner Theorie expliziert werden. Einheit,


Es soll damit ein Beitrag zur Klärung des Werks Die undarstellbare Gemeinschaft angeboten werden. Demgemäß bestehen die Möglichkeiten zunächst im Zueinander-in-Beziehung-setzen von Anlass, philosophischem Kontext und werkinterner Perspektive. Exemplarische Begriffskonstellationen sollen im Zuge dessen expliziert und befragt, sowie deren ‚Verwandtschaften‘, die über das Werk hinaus weisen, thematisiert werden. Zugleich soll der aktuelle Stand der Diskussion über den Begriff der Gemeinschaft mitbedacht werden.


2. Problemstellen der traditionellen Bestimmung der Gemeinschaft

Seit Tönnies richtungweisendem Werk Gemeinschaft und Gesellschaft8 aus dem Jahre 1887 wurden beide Begriffe oft dichotom verwendet. Die Gemeinschaft wurde als etwas über Gesellschaft, die bloß administrative Bereiche berührt und sich der Organisation der polis verpflichtet, Hinausgehendes verstanden. In der ideellen Gemeinschaft waren die einzelnen Mitglieder durch Kommunion quasi organisch verbunden. Diese Sicht auf Gemeinschaft, welche sie oft damit einhergehend als etwas Verlorenes konstituiert, dem man sehnsuchtsvoll nachtrauert oder auf das man sich rückzubesinnen versucht, kritisiert Nancy. Die Gemeinschaft bezeichnet in seiner Theorie weder einen prä-gesellschaftlichen9 oder gar archaischen Zustand, noch ist sie jener „Wärmekreis“10, der seinen Mitgliedern vermittels Identifikation und Kollektivität Schutz bietet und Sinn verleiht.

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Diese grundlegende Abgrenzung zu einer sozialwissenschaftlichen Traditionslinie ist entscheidend, bevor der eigentliche Kern der Differenz zum traditionellen Denken angesprochen werden soll: In allen bisherigen kommunitären Projekten sei Gemeinschaft als ein operatives Ziel verstanden worden, das es als Werk herzustellen gelte. Die Gemeinschaft kann für Nancy allerdings kein Werk sein, da sie immer schon auf etwas Gegebenes verweise.11 Im Zuge der Abgrenzung zu traditionellen Denkarten tauchen verschiedene Termini fortwährend auf, die Nancy problematisiert: Substanz, Einheit und Ganzheit, Immanenz, Subjekt und Individuum, Totalitarismus. Diese philosophischen Grundbegriffe und die ihnen inhärenten Konzepte lassen sich auf die problematische Figur der Schließung zurückführen.12 Sie tendieren zu einer Darstellung, die sie als geschlossene, absolute Sinnkonstrukte ausweist, die sich der Identifikation bedienen und sich dabei auf substanzielle Eigenschaften beziehen, die geteilt werden (müssen).


Der Aussage, dass Gemeinschaft etwas Gegebenes ist, dass man sich immer bereits in Gemeinschaft befindet, markiert zugleich Nancys Abkehr vom metaphysischen Subjekt. Eine Gemeinschaft ist demzufolge nicht etwas, was zu jenem Subjekt hinzutritt oder dieses vollendet. Oliver Marchart spitzt diese Sichtweise in seiner Auseinandersetzung mit den ontologischen Implikationen der Theorie Nancys zu: „Mitsein geht Dasein ontologisch voraus.“13 Das Individuum als „ab-solutum“ verstrickt sich laut Nancy aufgrund der behaupteten Beziehungslosigkeit (welche sich eben durch die Konstitution als Absolutes ergibt) als sein Konstituens in Widersprüchlichkeiten: Das Hingezogensein zum Anderen, das „clinamen“ des Individuums, werde nicht bedacht.14 Gemeinschaft setzt dasjenige in Beziehung, was sich als Absolutes glaubt, die Gemeinschaft packean, so Nancy.15 das Individuum


Nancys Theorie kreist allerdings nicht ausschließlich um das Thema der Gemeinschaft. Über die Problematik hinaus scheint jene doch vielmehr darin zu wurzeln, was Heidegger einmal die „Seinsvergessenheit“, respektive die „Seinsverlassenheit“ nannte.16 Es lassen sich Spuren verfolgen, die darauf deuten, dass Nancy die Ontologie Heideggers fortzusetzen versucht: Die Terminologie ist an dessen Begriffe angelehnt, wenn ihr nicht gar teils entlehnt und viele Thesen lassen den Gestus Heideggers wiedererkennen. Wenn die Gemeinschaft falsch gedacht wird, ließe sich so sagen, dass das Sein in der Gemeinschaft und damit auch das Sein an sich falsch gedacht wird (was allerdings immer Sein in der Gemeinschaft ist, also immer Sinne eines ‚In-der-Gemeinschaft-Sein‘ zu verstehen ist).


2.1 Kommunistische Anthropologie: der Mensch als Produzent

Zu Beginn seiner Überlegungen rückt Jean-Luc Nancy einen Ausspruch Sartres in den Mittelpunkt: Der Kommunismus sei „der unüberschreitbare Horizont unserer Zeit“[17. Dies meint: Sein ‚Scheitern‘ und daraus folgend sein ‚Zerfall‘ und seine ‚Auflösung‘ (sowie die Tendenz zur vollkommenen Negation des Kommunismus und seiner Ideen in unserer gegenwärtigen Welt in toto), ist die bedeutende Erfahrung unserer Gegenwart. Der Zusammenbruch des ‚realen Kommunismus‘ in den Sowjet-Staaten fällt gleichsam mit einer Erfahrung der Auflösung, des Zerfalls und der Erschütterung der Gemeinschaft in eins: Der Kommunismus als Wunsch, „einen Ort für die Gemeinschaft zu finden oder wiederzufinden“18, ist gescheitert.


Seine Ursache findet dieses Scheitern laut Nancy im „kommunistischen Idea[l] selbst“19 – was der Mensch sei. Das Problem sei die spezifische anthropologische Bestimmung des Menschen. Dieser ist in der Theorie Marx’ „der als Produzent definierte Mensch (man könnte auch einfach sagen: der definierte Mensch überhaupt), der grundsätzlich als Produzent seines eigenen Wesens in Gestalt seiner Arbeit oder seiner Werke verstanden wird“20. Mit jenem Ins-Werk-Setzen der eigenen Wesenheit ist das Hauptproblem der kommunistischen Anthropologie markiert.

Es gibt keinen Typus kommunistischer Opposition – oder sagen wir gemeinschaftlicher Opposition, damit deutlich wird, daß das Wort Kommunismus hier nicht auf seine enge politische Bedeutung eingeschränkt werden darf – der nicht grundsätzlich von der Idee der menschlichen Gemeinschaft beherrscht wurde und immer noch beherrscht wird, das heißt von einer Vision der Gemeinschaft von Wesen, die wesensmäßig ihre eigene Wesenheit als ihr Werk herstellen und darüber hinaus genau diese Wesenheit als Gemeinschaft herstellen.21

Hier wird deutlich, dass für Nancy das Problem des kommunistischen Denkens der Gemeinschaft nicht von jenem Denken der Gemeinschaft der bisherigen philosophischen Tradition abzutrennen ist, obwohl gewöhnlich beide als höchst unterschiedliche Denkarten angesehen werden. Oder anders gewendet: Nancy hingegen verwendet den Begriff Kommunismus nicht als ein politisches Schlagwort, das allein auf eine historische Bewegung verweist, die Bedeutung des Begriffs wird in Richtung der Konnotation kommunitär akzentuiert und stellt die Idee der Gemeinschaft par excellence dar.22 (‚Communisme‘ wird hier in einem gewissen Sinne als ein Synonym für ‚communauté‘ verwendet.)


Warum nun ist diese Anthropologie problematisch? Zwei Gründe lassen sich bei Nancy erkennen: Zum einen ist es der Werk-Charakter, den diese Gemeinschaft auszeichnet. Der Kommunismus versteht die Gemeinschaft als etwas noch nicht Vorhandenes, das es herzustellen gilt – sie ist optionales (und zugleich finales) Ziel und gleichsam Objekt seines Denkens und Handelns. Nancy verweist beharrlich darauf, dass Gemeinschaft schon immer ist: „Der Kommunismus verweist auf ein Projekt, während die Gemeinschaft auf eine Tatsache hindeutet. Der Kommunismus will eine seiner Meinung nach nicht gegebene Gemeinschaft erzielen.“23


Zum anderen ist der Umstand entscheidend, dass auf diese Weise ein absolutes Individuum sich selbst begründet, das sich ohne Beziehung in der Welt glaubt, das ‚immanent‘ ist, bar jeder Notwendigkeit sich auf Äußeres zu beziehen (in Beziehung zu stehen) und sich dabei immer seines eigenen Wesens bewusst (mit sich selbst identisch) ist.24 Bei Marx überragt der Mensch das Tier dadurch, dass er die Fähigkeit besitzt „frei vom unmittelbar physischen Bedürfnis und frei vom Maß und Bedürfnis der Gattung“25 zu produzieren. Der Mensch wird in dieser Theorie durch sein Wirken zum Vollender der Dinge, er ist fähig, den Dingen „das immanente Maß von außen anzulegen“26. Interessanterweise ist, der Interpretation Nancys folgend, dieses Individuum dem Individuum der (neo-)liberalen Ideologie nicht fremd: Beide erweisen sich als Nachfolger des metaphysischen Subjekts.


Maurice Blanchot erörtert ähnliche Probleme in den Grundannahmen der kommunistischen, beziehungsweise marxistischen Theorie. Seine Ausführungen sind für unseren Kontext erhellend:

Wenn der Kommunismus sagt, daß die Gleichheit sein Fundament ist und daß es keine Gemeinschaft gibt solange die Bedürfnisse aller Menschen nicht auf gleiche Weise befriedigt sind […], so setzt er zwar nicht eine vollkommene Gesellschaft voraus, wohl aber das Prinzip einer transparenten Menschheit, die im wesentlichen von ihr selber hergestellt wird, „immanent“ […]: Immanenz des Menschen im Menschen, was den Menschen zugleich als absolut immanentes Wesen bezeichnet, weil er so ist oder werden soll, daß er vollständig Werk ist, sein Werk, und schließlich das Werk von allem […] Das ist der scheinbar gesunde Ursprung des ungesündesten Totalitarismus.27


2.2 Immanentismus: Werk-Gemeinschaft als Todesgemeinschaft

Maurice Blanchot verweist auf den Totalitarismus als Folge dieser anthropologischen Grundannahme des Kommunismus – ein Verweis, der sich auch in Die undarstellbare Gemeinschaft finden lässt. Nancy bezeichnet dort, die totalitäre Konzeption des absoluten Individuums, das sich selbst (und seine eigene Wesenheit) ins Werk setzt als „Immanentismus“28.


Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Immanenz als eine Form der Schließung angesehen werden kann. Gleichsam wird hier Immanenz als Stillstand gedacht, als ein Enden der Kommunikation zwischen den in Gemeinschaft seienden Wesen. Immanenz würde die Ekstase29 (als eine Form der Transgression) verweigern, Immanenz würde bedeuten, nicht miteinander in Beziehung zu treten (laut Nancy schlicht eine Unmöglichkeit, denn es gibt immer ein „zusammen-erscheinen“30): „Die Immanenz ist […] genau das, was – wenn es sich ereignen würde – augenblicklich die Gemeinschaft oder auch die Kommunikation als solche vernichten würde“ und der Tod sei folglich, so Nancy, „dessen Wahrheit“31. Eine Gemeinschaft immanenter Wesen wäre demnach eine „Todesgemeinschaft“:

Nun ist aber die Gemeinschaft der menschlichen Immanenz, der Mensch, der sich selbst, oder Gott, der Natur und seinen eigenen Werken gleich geworden ist, eine derartige Todesgemeinschaft – ja, eine Gemeinschaft von Toten. Der vom Humanismus vollendete Mensch, ob Individualist oder Kommunist, ist der tote Mensch.32

Der Tod wird gleichzeitig in einer Werk-Gemeinschaft mit Sinn besetzt, zum finalen und gleichsam schmutzigen Ziel erklärt. Dennoch ist die Gemeinschaft, wie sie Nancy zu denken vorschlägt, eine nicht weniger vom Tod losgelöste. Sie verdrängt oder tilgte seine eigentümliche Präsenz nicht, der Tod sei vielmehr mit der Gemeinschaft „untrennbar verbunden“33. Nancy spricht seine Denkart betreffend demgemäß von einer „Gemeinschaft der Endlichkeit“, einer Gemeinschaft der endlichen, singulären Existenzen, einer Gemeinschaft, die sich durch den Tod offenbare.34 Der Unterschied zu jener Gemeinschaft des „Immanentismus“ liegt mehr darin, dass diese den Tod zu einem Werk machen wolle. Hier verliert durch die oktroyierte, zum Ziel gesetzte Kommunion „der Tod den sinnlosen Sinn, […] den er unweigerlich hat“35. Aber:

Ebensowenig wie die Gemeinschaft ein Werk ist, macht sie aus dem Tod ein Werk. Der Tod […] bewerkstelligt kein Umschlagen des toten Wesens in irgendeine einheitsstiftende Vertrautheit, und die Gemeinschaft ihrerseits bewerkstelligt keine Verlängerung ihrer Toten zu irgendeiner Substanz […]. Sie ist auf den Tod hingeordnet wie auf etwas, woraus man eben kein Werk machen kann.36

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Insofern ist durchaus zwischen einer „Todesgemeinschaft“ und einer ‚Gemeinschaft (der Erfahrung) der Endlichkeitʻ, wie ich Nancys Denkangebot begrifflich fassen würde, zu differenzieren: Während erstere die „unendliche Vollendung eines immanenten Lebens“37 sei, bedeute letztere vielmehr einen „unbeherrschbare[n] Exzeß der Endlichkeit“38. Der Immanentismus strebe eine Einheitsstiftung durch Verschmelzung und eine Form der Unendlichkeit an – somit eine Aufhebung des Todes – während man in Nancys Variante die Endlichkeit gerade zu betonen versucht, ohne sie mit Sinn zu besetzen: „Die Gemeinschaft webt zwischen den Subjekten nicht das Band eines höheren, unsterblichen oder jenseitigen Lebens […], sondern sie ist konstitutionell […] auf den Tod derer ausgerichtet.“39


3. Nancys Perspektive: Das nicht-essenzialistische Denken der Gemeinschaft

Wie bereits gezeigt wurde, ist es Nancys zentrales Anliegen, das Denken der Gemeinschaft als einer substanziell, respektive essenziell bestimmten, einheitlichen Gemeinschaft der Ganzheiten, die sich als Werk verwirklicht oder herstellt, zu dekonstruieren und an deren Stelle die Perspektive einer nicht-essenzialistischen, „entwerkten“ Gemeinschaft zu entfalten. Diese Form der Gemeinschaft „meint weder Substanz noch Akzidenz, weder Subjekt noch Objekt, weder Verschmelzung noch Verknüpfung“40. Was bleibt nun in diesem Konzept der Gemeinschaft nach aller dekonstruktivistischen Annäherung, nach allen Definitionen über das Negative und die Abgrenzung übrig, das für einen Diskurs produktiv gemacht werden könnte?


Zunächst wird evident: Eine Annäherung an Nancys Denken der Gemeinschaft durch eine solche Art und Weise zu fragen, macht in jenem Moment, in dem man bemerkt, wie diffizil es sich erweist, eine ‚greifbare‘ Antwort zu formulieren, deutlich, dass hier eben gerade nicht eine Wesensaussage im Sinne der bisherigen Philosophie getroffen werden soll. Die Frage ist in diesem Sinne nicht adäquat gestellt – sie ist eine Frage, die eine Antwort im Sinne einer Aussage über Substanz erstrebt und erhofft. Diese kann nicht gegeben werden. Nancys Konzeption ließe sich diesbezüglich auch als eine Auflehnung gegen jene Art zu fragen verstehen. An die Stelle der substanziellen Antwort tritt allerdings nicht eine Leere oder Abwesenheit von Gemeinschaft, sondern vielmehr etwas, das sich als die Anwesenheit des Abwesenden beschreiben ließe41.


Dabei irritierten zwei sich entgegenstehende Aussagen zur Gemeinschaft bei Nancy: Einerseits resümiert Nancy: „Die Gemeinschaft hat nicht stattgefunden“42, während es an anderer Stelle heißt, die Gemeinschaft werde uns „gegeben“43. Beide Aussagen stehen sich scheinbar konträr gegenüber. Erstere korrespondiert mit Nancys Auffassung, dass die Gemeinschaft eben nichts zu Verlierendes sei, dem man im Sinne einer Sozialromantik nachtrauern müsste: Es gab jenes Phantom der Moderne (das sich als Projektion von Sehnsüchten beschreiben ließe), jene archaische Gemeinschaft nicht. Dadurch erschließt sich dann auch die zweite Aussage: Die Gemeinschaft ist stattdessen immer (schon), sie ist dadurch gegeben, dass wir zusammen in der Welt sind, dass wir „zusammen-erscheinen“, wie Nancy sagt. Dieses gemeinsame Erscheinen, das permanente In-Gemeinschaft-Sein, das vor allem gegeben ist, „verlangt nicht mehr das gemeinsame Sein [etre commun] oder die Substanz einerGemeinschaft“44. Vielmehr ist die Gemeinschaft „also das […] was uns zustößt – als Frage, Erwartung, Ereignis, Aufforderung – was uns von der Gesellschaft ausgehend zustößt“45.

Christopher Fynsk merkt an, dass Nancys Denken der Gemeinschaft auf Basis der Differenz vollziehe, die ähnlich der Differenzierung von ontisch und ontologisch in Heideggers Werk sei.46 In seinen späteren Werken wird Nancy den Begriff der Gemeinschaft aufgeben. Seine Untersuchungen werden sich stattdessen mehr auf das auf „Mit“, respektive das „Mit-Sein“ (Heidegger) konzentrieren. Dieser Entwicklung wird auch terminologisch Rechnung getragen.47


3.1 Gemeinschaft (der Erfahrung) der Endlichkeit

Doch gibt Nancy, trotz der inhaltlich begründeten Verweigerung substantieller Aussagen, ja eine Perspektive. Eine mit jener verbundene Aussage wurde schon gestreift: Die Gemeinschaft ist, wie hier nun vorgeschlagen werden soll, als eine ‚Gemeinschaft der (Erfahrung der) Endlichkeit‘ zu verstehen. Laut Blanchot gäbe es keine Gemeinschaft, „wenn nicht das erste und letzte Ereignis gemeinsam wäre, das bei jedem aufhört, gemeinsam sein zu können (Geburt und Tod)“48. In ähnlicher Weise ließe sich Nancys Beharren auf die Endlichkeit erklären, das darin mündet, Endlichkeit und Gemeinschaft gleichzusetzen.49 Es ließe sich fragen, ob nach allem Abziehen von Substanziellem nur noch Geburt und Tod unsere einzige geteilte Erfahrung darstellen. Allerdings ist eine weitere Möglichkeit gegeben dieses Theorem der Endlichkeit zu verstehen, nämlich wenn wir Endlichkeit als Grenze, respektive als Erfahrung der Grenze (limes) denken – und zwar nicht als zeitliche Grenze, sondern als materielle, respektive körperliche. Eine Aussage Nancys mag diese Interpretation erhellen:

Ein singuläres Wesen erscheint als die Endlichkeit selbst: nämlich am Ende (oder am Anfang), im Berühren der Haut (oder der Seele) eines anderen singulären Wesens, an den äußersten Grenzen derselben Singularität, die als solche stets eine andere, stets mit-geteilt, stets exponiert ist.50

Dennoch ließe sich fragen, was dieses Insistieren auf Endlichkeit nun von einer ‚klassischen‘ Wesensaussage unterscheidet. Schließlich heißt es sogar an einer Stelle: „Die Endlichkeit erscheint zusammen, daß heißt, sie wird exponiert: das ist das Wesen der Gemeinschaft.“51 Dennoch scheint Nancy, obwohl er hier den Begriff des Wesens verwendet – der in diesem Zusammengang provokant klingen muss – zu differenzieren. Einige Seiten zuvor heißt es, „daß die Endlichkeit selbst nichts ist, daß sie kein Grund, kein Wesen, keine Substanz ist“, aber sie erscheine, „sie stellt sich dar, sie exponiert sich und existiert somit als Kommunikation.“52 Sofern es sich hier also um ein Wesen handelt, ist es aufgrund seines ‚bloßen‘ Existieren in der Mit-Teilung, sein nahezu kurz aufflackerndes „Erscheinen“ von einem substanziellen Wesen unterschieden.


Aus den Überlegungen der Gemeinschaft als einer ‚Gemeinschaft (der Erfahrung) der Endlichkeit‘, respektive der endlichen Existenzen ergeben sich weitere Möglichkeiten, Nancys nicht-essentialistische Denken näher zu erhellen: Es findet sich die Tendenz, Gemeinschaft im Sinne eines Raums darzustellen (Nancy spricht von „Arealität“).53 Der Raum des Gemeinsamen ist der Raum des Zwischen. Der Raum der Gemeinschaft sei folglich der Raum, der zwischen den endlichen Existenzen existiert. Nancys Theorie des Mit(-Seins) wird in seinen späteren Werken an dieser Stelle einsetzen. In Gemeinschaft sein bedeute deshalb auch immer „in der Schwebe sein“. Der Raum des Zwischen ist die Unterbrechung der Singularität, was zugleich Transzendenz ermögliche.54 Es ist der (Ein-)Schnitt, die Berührung, der temporäre Übertritt. Marie-Eve Morin schlussfolgert richtig daraus, dass Gemeinschaft bei Nancy mit Transzendenz in eins fällt.55 Diese Figur des „In-der-Schwebe-Sein“, des Zwischen-Raums, der Berührung (an) der Grenze und an den Grenzen, dies ist es, was Nancy „Widerstand gegen Immanenz“56 nennt. Seine Vorstellung der Gemeinschaft beruht im Wesentlichen darauf, durch ein fortdauerndes gemeinsames Erscheinen und Kommunizieren (Mit-Teilung) einer Immanenz zu widerstehen.


3.2 Singularität und Mit-Teilung

„Singularität“ und „Mit-Teilung“ sind unweigerlich zentrale Begriffe im Werk Nancys. Eine ‚Gemeinschaft (der Erfahrung) der Endlichkeit‘ fußt fundamental auf der Konstitution des Menschen als singuläre Existenz, die (sich) mit-teilt. Beide Termini tragen einer Dekonstruktion der Substanz schlechthin und einer Verweigerung von Werk und Essenz auf der Ebene des einzelnen Wesens Rechnung. Teilweise wurden sie in der Untersuchung schon verwendet und ihre Bestimmung bereits gestreift. Es gilt nun, sie etwas näher zu erörtern.57


An die Stelle des Individuums, das hier wie bereits mehrfach gezeigt wurde aus verschiedenen Gründen zu problematisieren sei, setzt Nancy die Singularität. Statt von Individuen oder von autonomen Subjekten zu sprechen, zieht er es vor, dies durch „singulär Seiende“ zu ersetzen. Das bedeutet nicht eine bloß oberflächliche Begriffsverschiebung, sondern geht mit einer grundsätzlich anderen ontologischen Annahme einher58: Ein singuläres, endliches Seiendes hat im Gegensatz zu einem sich selbst als Absolutum ins Werk setzendem Individuum keine Identität als Grund, „es erscheint“ stattdessen, „als Endlichkeit“.59


Giorgio Agamben vollzog in seiner Theorie, eine ähnliche Abkehr vom Individuum hin zur Singularität. Er äußert sich zur Chance dieses Begriffs wie folgt:

Der Irgendwer, von dem hier die Rede ist, gründet seine Singularität nicht in der Indifferenz gegenüber einer gemeinsamen Eigenschaft (einem Begriff, zum Beispiel: rot, Franzose, Moslem), sondern einzig in ihrem Sein, so wie sie ist. Die Singularität geht [...] dem falschen Dilemma aus dem Weg, welches das Bewußtsein dazu zwingt, sich entweder für das unfaßbare Mysterium des Individuums oder für die Durchschaubarkeit des Universellen zu entscheiden.60

Es muss nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass eine „Entwerkung“ der Gemeinschaft und eine Ablehnung substanzieller Verfasstheit des Gemeinsamen also mit einer „Entwerkung“ und angenommenen Wesenlosigkeit des einzelnen Seienden in eins fällt.61


Die Beziehung der singulären Existenzen nun ist keine gemeinsames Sein62, sondern sie sei die „Mit-Teilung“, diese konstituiere die Singularität letztlich. Es ist nicht falsch, sich diese Mit-Teilung zunächst im basalen Sinne der Kommunikation zu erklären: „Sie [die Mit-Teilung, Anm. M.Q.] ist das Hin und Her, die Partitur und  das Teilen der Kommunikation.“63 Die Mit-Teilung ist im doppelten Sinne mit der Endlichkeit verbunden: Wenn es so etwas wie eine archetypische Mit-Teilung gäbe wäre es die Mit-Teilung der Endlichkeit. Nancy nennt es „die Wahrheit des Todes“64, die wir teilen. Andererseits ereigne sie sich, wenn man Nancy folgt, als Übergang von einer Singularität zur anderen, an den, respektive auf den Grenzen. Man könnte somit sagen, sie ereigne sich im Raum des Zwischen. Hier wird am deutlichsten was die Setzung des Bindestrichs impliziert: Es wird etwas geteilt (aber eben nichts Essenzielles) und gleichzeitig wird (etwas) kommuniziert – und eben dieses Kommunizieren im Raum des Zwischen ist dasjenige, was geteilt wird, was gemein ist und Gemeinschaft ausmacht.


Die Mit-Teilung steht in diesem Sinne im Bunde mit jenem, was Bataille die Überschreitung nennt. Gleichsam ist sie als Mit-Teilung der Endlichkeit auch immer eine souveräne Mit-Teilung.65 Im weiteren Verlauf wird Nancy ebenso von einem „literarischen Kommunismus“ sprechen, in dem er die Bedeutung der Schrift für die Kommunikation und die Mit-Teilung näher ausführt. Es zeigt sich dort genauer, dass es die zentrale Aufgabe der Gemeinschaft sei, die Mit-Teilung nicht zu vollenden, nicht enden zu lassen.66


4. Ausblick

Die bisher herausgearbeiteten Erkenntnisse folgten aus dem Versuch, einen Beitrag zur Klärung des Begriffs der „entwerkten“, respektive „undarstellbaren“ Gemeinschaft anzubieten, wie sie Jean-Luc Nancy in seiner Schrift Die undarstellbare Gemeinschaft und in folgenden Arbeiten expliziert. Es wurde dabei vom historischen Ereignis des Scheiterns des Kommunismus ausgehend gezeigt, inwieweit sich Nancys Denken der Gemeinschaft von einem bisherigen absetzt. Es zeigte sich relativ rasch, dass es sich hierbei nicht um originäre Probleme einer kommunistischen Anthropologie handelt, sondern sich diese ebenso im gegenwärtigen Individualismus oder Liberalismus finden lassen. Die Problematik fußt vielmehr auf einer ‚Metaphysik des Subjekts‘ und weiter gefasst auf einer falschen Art das Sein zu denken.67


Im Zuge der Untersuchung wurde eine Reihe von Sichtweisen auf die Theorie Nancys zusammengetragen und, sofern es angebracht erschien, eine Problematisierung angestrengt. Eine eigene Position wurde so im Kontext dieser Beiträge entwickelt, beziehungsweise wurde diese eigene durch das Abwägen, Auswählen und Bewerten der Beiträge im Arbeitsprozess sichtbar. Es wurde mit dieser Arbeit aber keinesfalls der Versuch unternommen, Nancys Denken der Gemeinschaft zu bewerten. Urteile solcher Art bedürfen eines intensiveren Studiums der Schriften und weit reichende Kenntnisse im Werkkontext Heideggers und Batailles, um nur zwei wichtige Bezugspunkte zu nennen.


Eines muss diese Arbeit allerdings sicherlich leisten: Es muss gesagt werden können, ob der Begriff der Gemeinschaft bei Nancy kohärent expliziert wird und ob demgemäß seine Perspektive eine plausible ist. Und dies ist zugleich eine diffizile Frage: Mit Sicherheit erweist sich Nancys Schrift in vielen Teilen als opak; er denkt gleichsam immer im Dialog mit anderen Philosophien und scheint weniger daran interessiert, die Begriffe mit denen er arbeitet, stringent und transparent zu definieren. Allerdings fallen diese, für die französische (‚postmoderne‘) Philosophie üblichen methodischen Besonderheiten eben damit in eins, was die Theorie auszudrücken versucht: einen Weggang von Substanz, Einheit und Ganzheit. Dies ist konsequenterweise auch der Schreib-Bewegung anzumerken.

Offene Fragen gibt es viele: Die basale ist sicherlich jene nach den ‚Möglichkeiten‘ dieser Theorie und nach den politischen Konsequenzen, die sie Oliver Marchart zufolge unweigerlich impliziert68 – eine These, die sehr zu unterstützen ist. Daran angeschlossen ist auch die Frage, was nach dieser Dekonstruktion des Begriffs der Gemeinschaft außer einer Abwesenheit zurückbleibt, was sie außer einer Negation ‚anbietetʻ69. Zu untersuchen bleibt auch, inwieweit es sich hier um eine Fortführung der ‚Heideggerschen Ontologieʻ handelt, beziehungsweise ob sie kohärent darauf dessen Erkenntnisse zurückgreift. Nancys Theorie erweist sich in diesem Sinne möglicherweise nicht (sofort) als plausible, aber in jedem Falle als produktive, insofern sie etwas als fragwürdig markiert und gleichsam etwas ‚freisetztʻ.


Universität Leipzig, Wintersemester 2009/2010



1 Zwei Anmerkungen sind im Vorhinein zu diesem Text zu machen: Mittlerweile sind mit Die politische Differenz von Oliver Marchart und Das Politische denken von Ulrich Bröckling und Robert Feustel zwei Publikationen bei Suhrkamp und transcript erschienen, die sich unter anderem mit Nancys politischer Philosophie auseinandersetzen. Auf sie konnte beim Verfassen des Artikels nicht eingegangen werden. Des Weiteren war diese Arbeit das Ergebnis eines ersten Herantastens an das hier angeschnittene komplexe Feld. Mit der Arbeit habe ich versucht, durch die Lehrveranstaltungen der Philosophie einen Blick auf Fragen und Problemfelder zu werfen, die im Institut für Theaterwissenschaft in Leipzig (und nicht nur dort) fortwährend Punkt der Auseinandersetzung sind. Im Hinblick auf die Arbeit einiger wissenschaftlicher MitarbeiterInnen und gegenüber den dort erarbeiteten Ergebnissen, muss noch einmal in voller Konsequenz deutlich gemacht werden, dass dieser Text lediglich eine erste Annäherung darstellt und sich ebenso verstanden wissen will.

2 Marcus Steinweg: „Was ist ein Kollektiv?“ In: Ders.: Politik des Subjekts. S. 35-40. Hier S. 35f.

3 Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. Stuttgart: Edition Patricia Schwarz 1988. Die Schrift erschien 1986 in französischer Sprache unter dem Titel La communauté désouvrée. Zur Differenz zwischen Originaltitel und der abweichenden deutschen Übersetzung („entwerkt“ – „undarstellbar“) sei auf das Vorwort der deutschen Ausgabe verwiesen, in dem Nancy selbst diesen Prozess der Übersetzung kommentiert.

4 Die Frage, ob im Sinne des dekonstruktivistischen Ansatzes überhaupt der Versuch einer Definition vorliegt, beziehungsweise eine Definition gegeben wird, sollte dabei hinterfragt werden.

5 Vgl. Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft. Berlin: Matthes & Seitz 2007. Im Original 1986 unter dem Titel La communauté inavouable erschienen.

6 Vgl. Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft. Berlin: Merve 2003. Im Original 1990 unter dem Titel La comunità che viene erschienen.

7 Hilfreich für die Differenzen zwischen Nancy und Derrida ist vor allem die Arbeit von Marie-Eve Morin: Jenseits der brüderlichen Gemeinschaft. Das Gespräch zwischen Jacques Derrida und Jean-Luc Nancy. Würzburg: Ergon 2006.

8 Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1991.

9 „Die Gesellschaft ist nicht aus dem Zusammenbruch einer Gemeinschaft entstanden.“ Vgl. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 31.

10 Diese Formulierung ist dem Publizisten Göran Rosenberg entlehnt. Zygmut Baumann greift sie in seinem Essay auf. Vgl. Zygmunt Baumann: Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. S. 17.

11 Vgl. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 77.

12 Diese terminologische Wendung ist von Oliver Marchart übernommen, der sie im Zusammenhang der Untersuchung des Freiheitsbegriffs bei Nancy verwendet. Sie erweist sich auch in unserem Kontext als hilfreich. Vgl. Oliver Marchart: „Die Politische Ontologie der Gemeinschaft. Politik und Philosophismus bei Jean-Luc Nancy.“ In: Politik der Gemeinschaft: Zur Konstitution des Politischen in der Gegenwart. Hrsg. von Janine Böckelmann/Claas Morgenroth. Bielefeld: transcript 2008. S. 133-157. Hier S. 147.

13 Ebd. S. 151. Hervorhebungen im Original. Diese Zuspitzung bleibt aufgrund der angenommenen chronologischen Folge nicht unproblematisch. Marchart bezieht sich wohl unter anderem auf eine Passage in Singulär plural sein: „Das Mit-Sein […] wird von Heidegger explizit als wesentlich für die Konstitution des Daseins selbst bezeichnet. Auf dieser Basis müßte es absolut klar sein, daß das Dasein, ebenso wenig wie ‚der Mensch‘ oder ‚das Subjekt‘ ‚eines‘, einzig und isoliert, ist, sondern immer nur das eine, jedes eine, ein Mit-ein-ander.“ Vgl. Jean-Luc Nancy: Singulär plural sein. Berlin/Zürich: diaphanes 2004. S. 53. Hervorhebungen im Original.

14 Eine Feststellung Elena Pulcinis ist in diesem Zusammenhang erhellend. In der Analyse des „zerrissenen“ Subjekts bei Batailles erkennt sie das „Individuum der Gemeinschaft“. Pulcini beschreibt eine Bewegung, die dem „clinamen“ Nancys sehr ähnlich ist: „Die Gemeinschaft ist kein Aggregat von Atomen, die rational entscheiden, ihren Zustand der Isolation aufzuheben, um ein gemeinsames Interesse zu verfolgen; sie beginnt innerhalb des Individuums selbst, dessen Niedergang sie verursacht, dessen Wunde sie aufreißt, eine Wunde, die es gegenüber der Andersheit und der Welt öffnet.“ Vgl. Elena Pulcini: Das Individuum ohne Leidenschaften. Moderner Individualismus und Verlust des sozialen Bandes. Berlin/Zürich: diaphanes. S. 215. Hervorhebung im Original.

15 „Da die Gemeinschaft durch die Logik des absoluten Subjekts der Metaphysik […] ausgeschlossen wurde, wird sie nun zwangsläufig ihrerseits dieses Subjekt aufgrund ebendieser Logik anpacken.“ Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 17. Hervorhebung im Original.

16 „Nancys und Lacoue-Labarthes Projekt besteht in großem Ausmaß in einer kritischen politischen Reformulierung dieser Heideggerschen Themen. Das gilt im Besonderen für Heideggers Ideen von Seinsverlassenheit und Seinsvergessenheit.“ Vgl. Oliver Marchart: „Die Politische Ontologie der Gemeinschaft.“ S. 137.

17 Vgl. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 11.

18 Ebd.

19 Ebd. S. 13.

20 Ebd. Hervorhebung im Original.

21 Ebd. S. 13f. Hervorhebungen im Original.

22 Aufschlussreich sind hier zwei Aussagen aus einem Essay Nancys, die erahnen lassen, wie weit er den Begriff fasst und was für ihn dabei auf dem Spiel steht: „Kommunismus ist zweifellos nur ein archaischer Name für ein Denken, das noch gar nicht da ist, das erst kommen wird“ und „[d]er Kommunismus ist eine ontologische Aussage und keine politische Option.“ Jean-Luc Nancy: „Das gemeinsame Erscheinen. Von der Existenz des ‚Kommunismus‘ zur Gemeinschaftlichkeit der ‚Existenz‘.“ In: Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen. Hrsg. von Joseph Vogl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994. S. 167-204. Hier S. 175f.

23 Vgl. Jean-Luc Nancy: Die herausgeforderte Gemeinschaft. Berlin/Zürich: diaphanes 2007. S. 19.

24 Die Problematik, die sich aus diesem Umstand ergibt, wird in Abschnitt 2.2 vertieft.

25 Vgl. Franz-Josef Albers: Zum Begriff des Produzierens im Denken von Karl Marx. Meisenheim am Glan: Hain 1975. S. 115.

26 Ebd.

27 Vgl. Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft. S. 10f.

28 Vgl. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 15.

29 Ein Begriff, der für Georges Bataille ebenso zentral war wie für Martin Heidegger. Auf die zu differenzieren Implikationen kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden.

30 „Wir erscheinen gemeinsam: wir kommen zusammen in die Welt. Zusammen, nicht in dem Sinn, daß gleichzeitig mehrere, unterschiedliche Entitäten entstünden (so wie man sagt, daß alle ‚zusammen‘ ins Kino gehen). Es gibt kein Zur-Welt-Kommen, das nicht grundsätzlich gemeinsam wäre. Das ‚Gemeine‘ schlechthin. Zur-Welt-Kommen = Sein in der Gemeinschaft.“ Vgl. Jean-Luc Nancy: „Das gemeinsame Erscheinen.“ S. 170. Hervorhebung im Original. Oder auch: „Wir treten mit anderen unaufhörlich in Beziehung, öffnen uns gegenüber dem anderen. […] [M]an muß sich klar machen, daß niemand allein existiert, daß prinzipiell die Multitude existiert.“ Vgl. Michail Ryklin: „Die Unerträglichkeit des Undarstellbaren. Gespräch mit Jean-Luc Nancy“. In: Ders.: Dekonstruktion und Destruktion. Gespräche. Berlin/Zürich: diaphanes 2006. S. 17-31. Hervorhebung im Original.

31 Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 32.

32 Ebd. S. 34.

33 Ebd. S. 35.

34 Ebd. Dieses Sein, das „auf den Tod hingeordnet“ ist, erinnert stark an Heideggers „Sein zum Ende“.

35 Ebd.

36 Ebd. S. 37.

37 Ebd. S. 34.

38 Ebd. Nancys Option des „Exzesses der Endlichkeit“ rekurriert auf Batailles ‚Visionʻ von einem souveränen Leben.

39 Ebd. S. 41.

40 Jean-Luc Nancy: „Das gemeinsame Erscheinen.“ S. 175.

41 „[G]emeinschaflich, ‚communisʻ, das meint: nicht eine einzige Substanz, sondern im Gegenteil, das Fehlen einer Substanz, in dem sich dem Wesen nach das Fehlen einer Wesenheit mitteilt.“ Vgl. ebd. S. 170f. George Bataille spricht in ähnlicher Weise von der „Gemeinschaft derer, die keine Gemeinschaft haben“.

42 Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 30.

43 Ebd. S. 77.

44 Michail Ryklin: „Die Unerträglichkeit des Undarstellbaren.“ S. 123.

45 Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 31. Hervorhebungen im Original.

46 “His gesture is thus to work a term like ‘community’ in such a way that it will come to mark what Heidegger would call the difference between the ontic and the ontological and to oblige us to think from the basis of this difference.” Vgl. Christopher Fynsk: „Foreword. Experiences of Finitude.“ In: Jean-Luc Nancy: The Inoperative Community. Minneapolis/Oxford: University of Minneasota Press 1991. S. X.

47 „Tatsächlich zog ich allmählich vor, es [das Wort „Gemeinschaft“, Anm. M.Q.] durch die unschönen Ausdrücke des Zusammen-Seins, des Gemeinsam-Seins und schließlich des Mit-Seins zu ersetzen. Es gab Gründe für diese Verschiebungen und dafür, sich zumindest provisorisch mit diesem Mangel an sprachlicher Eleganz abzufinden. Von mehreren Seiten her sah ich von dem Gebrauch des Wortes ‚Gemeinschaft‘ Gefahren ausgehen: Unweigerlich klingt es von Substanz und Innerlichkeit erfüllt, ja aufgebläht; recht unvermeidlich hat es eine christliche Referenz […] oder eine im weiteren Sinne religiöse [...].“ Vgl. Jean-Luc Nancy: Die herausgeforderte Gemeinschaft. S. 30f.

48 Maurice Blanchot: Die uneingestehbare Gemeinschaft. S. 22.

49 Vgl. Jean-Luc Nancy: „Das gemeinsame Erscheinen.“ S. 192.

50 Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 62.

51 Ebd. S. 65. Hervorhebung M.Q.

52 Ebd. S. 63f.

53 Dieser weist Überschneidungen zur Konzeption des „öffentlichen Raums“ bei Hannah Arendt auf.

54 Vgl. ebd. S. 70.

55 Vgl. Marie-Eve Morin: Jenseits der brüderlichen Gemeinschaft. S. 193. Jene Aussage findet sich im Übrigen bei Nancy selbst: Vgl. Jean Luc-Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 77.

56 Ebd.

57 Die Auseinandersetzung im gegeben Rahmen kann dennoch nur sehr kurz gefasst werden und muss sich mit basalen Aspekten begnügen.

58 Das Individuum verweigert sich laut Nancy grundlegend der Gemeinschaft. Es heißt dazu: „Als Individuum bin ich jeder Gemeinschaft gegenüber verschlossen, und es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, daß das Individuum – falls überhaupt ein absolut individuelles Wesen existieren könnte – unendlich ist.“ Vgl. Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 61.

59 „Die Singularität geht vielleicht aus nichts hervor. Sie ist kein Werk, das Ergebnis eines Wirkens wäre. Es gibt keinen Prozeß der ‚Singularisierungʻ, und die Singularität wird weder gewonnen, noch hervorgebracht, noch abgeleitet.“ Ebd

60 Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft. Zitiert nach: Jean-Luc Nancy: „Das gemeinsame Erscheinen.“ Vgl. S. 197.

61 Mir scheinen die Bemerkungen, die Marcus Steinweg kürzlich zu einer Politik des Subjekts angebracht hat, für die Frage, wie wir die Kategorie des Subjekts heute adäquat denken müssen, als äußerst produktive. Er geht dabei für meine Begriffe über das, was wir mit Nancy eine „Entwerkung des Subjekts“ nennen müssen hinaus. Es scheint Steinweg nicht darum zu gehen, unsere Subjektivität oder unseren Subjektstatus zu verwerfen, sondern diese, mittels einer „Öffnung auf das Unmögliche“ und gerade in ihrer Problematik weiterhin zu behaupten. Vgl. Marcus Steinweg: „Was ist ein Subjekt?“ In: Ders.: Politik des Subjekts. S. 9-34.

62 “Singularities have no common being, but they com-pear [com-paraissent] each time in common”. Vgl. Jean-Luc Nancy: „Sharing Freedom: Equality, Fraternity, Justice.“ In: Ders.: The Experience Of Freedom. Stanford: Stanford University Press 1993. S. 68.

63 Vgl. Jean-Luc Nancy: „Das gemeinsame Erscheinen.“ S. 185.

64 Jean-Luc Nancy: Die undarstellbare Gemeinschaft. S. 60.

65 Auf diesen der Vertiefung bedürfenden Aspekt kann hier nicht eingegangen werden.

66 Gegen Ende des ersten Teils heißt es hierzu beinahe pathetisch: „Man darf nicht zu schreiben aufhören.“ Vgl. ebd. S. 88.

67 Nancy würde Heidegger hinzufügen: das Sein der Gemeinschaft, beziehungsweise das Sein in Gemeinschaft.

68 Vgl. Oliver Marchart: „Die Politische Ontologie der Gemeinschaft.“ S. 150ff.

69 Bei allem darf nicht vergessen werden, dass es sich bei den hier behandelten Erfahrungen und Erkenntnis­sen ja vor allem um schmerzvolle Erfahrungen handelt. Diese Verwundungen stehen vor aller Einsicht über die Chancen und Perspektiven solcher Einsichten und den theoretischen Neukonzeptionen, dessen was bisher Gemeinschaft oder Individuum genannt wurde.



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